Back in the USSR...
“Republik” Belarus, zwischen Russland und Polen, die letzte Diktatur Europas mit Lukaschenko als Kaiser. Ich glaub ich hab irgendwie einfach ein Faible fuer abgehalfterte Staaten.

Immerhin - die gute Nachricht zuerst: Das Stadtzentrum von Minsk ist viel, viel schoener, als ich es jemals erwartet haette. Die schlechte Nachricht allerdings: Sobald man den innersten Teil hinter sich gelassen hat, ist es genauso haesslich, wie man sich erzaehlt. Und zwar uebergangslos. Aber spannend haesslich immerhin. Minsk ist naemlich eine Art gigantisches Freilichtmuseum fuer die juengere Vergangenheit, eine Art living Soviet Union. Weissrussland ist vor 30 Jahren schlichtweg stehen geblieben in der Zeit.
Aber zuerstmal mein Problem mit dem betrunkenen Russen. Hat sich uebrigens recht rustikal geloest. Der Schaffner kam vorbei und mit Hilfe der Jungs gegenueber habe ich klar machen koennen, dass der Typ da fehl am Platze sei. Was dann kam, war wie Kino. Der Schaffner hat ihn erst an der Schulter beruehrt, um ihn zu wecken, dann immer fester geruettelt, spaeter geschlagen und schliesslich am Ohr gezogen, daran hin und her geschuettelt und mit dem Kopf auf die Tischplatte geschlagen. Sehr russisch, aber zwecklos. Der Typ schlief erstmal. Jeder mitteldeutsche Alkoholiker ware wahrscheinlich laengst tot bei dessen Pegel. Irgendwoher hat der Schaffner sich dann noch zwei Mann organisiert und dann wurde mein Kumpel hier auf die Beine gestellt. Half aber nix, der schlief ja wie gesagt. Fiel immer wieder um. Also wurde an Haenden und Fuessen angefasst und der Typ regelrecht durch den Gang geschleift. Jetzt hatte er aber leider eins der oberen Betten und war ziemlich dick. Mehr schlecht als recht haben wir den also zu viert da hochgehievt und buchstaeblich mit Schwung in seine Koje geworfen. Der hat die Nacht da ziemlich verdreht und unbequem verbracht, kann ich euch sagen... Wilde Geschichten hier, aber ich muss immer noch grinsen, wenn ich an das ratlose Gesicht des Schaffners denke, als Typ weiter schnarchte, als er ihm fast das Ohr abgerissen hat!
Russland und Belarus haben uebrigens so eine Art Schengen-Abkommen. In guter alter Tradition nennt sich das da aber “verbuendete Staaten”. Mir egal, wie's heisst, fuer mich bedeutet das jedenfalls, dass ich nachts nicht geweckt wurde fuer Passkontrollen – und es bedeutet fuer meine Machete eine Gefahr weniger. Die schlummert jetzt uebrigens friedlich im Bahnhofsschliessfach. Leider bin ich dann eine Stunde zu frueh aufgestanden, scheiss Zeitverschiebung mal wieder. Immerhin. Kurz vor Sonnenaufgang stehe ich auf weissrussischem Boden vor dem Bahnhof in Minsk...

Der Bahnhof mit dem Gebaeude gegenueber ist dann neben der Nationalbibliothek uebrigens auch das einzige moderne Gebaeude in ganz Minsk, das ich gesehen habe. Der Verdacht liegt nahe, dass es das einzige in ganz Weissrussland ist.

Reisefuehrertechnisch bin ich ja wie erwaehnt stark optimierungswuerdig ausgestattet, ich haette also zumindest gern eine Karte. Die gibt's sogar in lateinischer Umschriftt gleich am Bahnhof, ich muss nur draufzeigen und ein paar Tausend Geld auf den Tisch legen. Ich bin begeistert. Leider haelt das nicht ganz so lange vor. Denn wer auch immer von euch nach meiner Beschreibung mal nach Minsk will – aufpassen, die englische Karte ist falsch! Die U-Bahnstationen stimmen nicht mit der Realitaet ueberein und Linien sind eh nicht eingezeichnet oder benannt. Da es in Weissrussland aber nur zwei U-Bahnlinien gibt, war Letzteres zumindest noch ertraeglich. Problematischer war das mit den Stationsnamen, zumal es leider eine andere Haltestelle gibt, die genau so heisst, wie laut Karte die Metrostation heissen sollte. Hinzu kommt ein weiteres Problem, an das ich so noch nicht gedacht hatte. Ich kann mittlerweile zwar einige Vokabeln, aber ich hatte nicht damit gerechnet, wie wichtig das Wörtchen "wo" sein kann! Wenn ich stolz meinen Stationsnamen ausspreche und versuche, fragend dabei zu gucken, ernte ich nichts als ein ratloses Gesicht. Als wolle man mir sagen: Bist du blöd? Klar, kenn ich - und was ist jetzt damit!? Ich weiß übrigens noch immer nicht, was wo auf Russisch bedeutet. Ich fahre also versehentlich erstmal Strassenbahn, und weil ich das Bezahlsystem nicht vestanden hab auch noch schwarz. Hatte mich ehrlich gesagt auch schon ein bisschen gewundert, dass die U-Bahn hier so wenig “U” sein sollte, aber wer weiss, wie das hier so laueft. Andere Laender, andere Sitten.
Es stellt sich aber raus, dass ich eben nur zu doof war. Als ich die Ubahn naemlich einmal gefunden habe, geht's ganz gut. Leider ist die Zahl “Vier” auf Russisch aber echt richtig schwer. Ich kann also nur bis drei zaehlen. Und versuch damit mal vier Tickets zu kaufen, bei einer Frau, der es absolut unvorstellbar ist, dass jemand kein Russisch koennen soll! Meine vier hochgestreckten Finger ignoriert sie jedenfalls gekonnt. Leute gibt's! Im Endeffekt muss ich mich allen Ernstes beim Nachbarschalter noch einmal anstellen. Mitdenken ist definitiv nicht so die Staerke dieser Frau! Was die Ubahn angeht, hat Minsk dann ganz klar das Moskauer Vorbild zu kopieren versucht. Sogar die Zuege sind die Gleichen...

Der Plan ist, zunaechst das “schoene” Minsk im Stadtzentrum zu besuchen und dann spaeter weiterzuziehen ind das alte, graue und haessliche Minsk. Und als ich aus der Ubahn komme, bin ich ueberrascht, dass Minsk eben tatsaechlich nicht nur aus Plattenbau besteht. Am Fluss gelegen ist die Innenstadt zwar teils kommunistisch gepraegt, aber eigentlich wirklich huebsch hergerichtet. Und die wirklich alten Viertel waeren in jeder westeuropaeischen Stadt gar heillos von Touristen ueberlaufen. Hier bin ich allein...

Nur ein paar Einheimische beten vor den Kirchen. Die alten Leute fallen alle drei Schritte auf die Knie und bekreuzigen sich, aber irgendwie nehme ich es
ihnen ab. Man ist hier eben noch immer unheimlich gläubig.






Drei post-sozialistische Schönheiten am Ufer der Swislatsch.

Und dann habe ich doch noch mein unschoenes Erlebnis: Ich bin von einem korrupten Polizisten abgezogen worden. Ich wandere die menschenleeren Strassen entlang, mitten in der Minsker Innenstadt, als ploetlich die Miliz in einem alten Lada neben mir haelt. Fenster runter: “(Irgendwas auf Russisch)!” Entschuldigender Blick von mir, ratloses Schulterzucken und in meinem schoensten Russisch: “Entschuldigung, ich spreche kein Russisch.” Der Milizionaer greift rueber, oeffnet die Beifahrertuer und winkt mich ran. Ich denke kurz daran, was mir meine Mama als Kind ueber in fremde Autos einsteigen gesagt hat: Kein Zweifel, dass das hier nicht nach meinen Vorstellungen verlaufen wird. Aber da zeigt der Mann schon wieder sehr energisch auf den Beifahrersitz. Keine Chance, das irgendwie missverstehen zu koennen. Sehr widerwillig setze ich mich also ins Auto.
Ich werde schon wieder mit einem russischen Wortschwall bedacht und verstehe nichts. Als ich ihm das sage, guckt er erstmal irritiert. “Money!” faellt ihm schliesslich ein, sein einziges englisches Wort anscheinend. Das wiederholt er dafuer umso haeufiger. In neuer russischer Wortschwall, gespickt mit vielen weiteren “moneys” und Gesten auf die Ampel, die ich eben ueberquert habe. Ich bin absolut sicher, bei Gruen gegangen zu sein, und genauso sicher bin ich, dass mein weissrussischer Freund das auch weiss. Aber was will ich machen? Ich kann es ja nicht einmal sagen. Der Polizist kramt einen Zettel hervor und kritzelt eine 50.000 BYR hin, gut 15 Euro. Ich setze wieder meinen bedauernden Blick auf und oeffne mein Portemonnaie. Darin befinden sich nicht einmal 5 Euro in Rubel, mein Handgeld. Denn ich hatte eigentlich schon viel frueher auf meinen Reisen mit einer solchen Situation gerechnet und trage den Grossteil meines Geldes immer in einer versteckten Innentasche mit mir herum, stets darauf bedacht, dass eine kleine Summe staendig in meinem Portemonnaie verbleibt. Ich bin entschlossen, ihm zumindest nicht alles zu geben, was ich habe. Als ich ihm den Inhalt der Boerse zeige, schuettelt er den Kopf und zeigt wieder auf seinen Zettel. Ich zucke wieder mit den Schultern, nehme die paar Scheine und drehe mein Portemonnaie um – leer. So geht das ein paar Mal hin und her, bis es ihm zu bunt wird. Er nimmt sich das Geld aus meiner Hand und wirft mich unter Fluechen aus dem Wagen. Hoechst unwahrscheinlich, dass dieses Geld jemals eine oeffentliche Kasse erreicht. Als er wegfaehrt, grinse ich trotzdem ein bisschen vor mich hin. Irgendwie fuehle ich mich, als haette ich ein Schnaeppchen gemacht.

Als ich weiterwandere, erreiche ich das Siegesdenkmal auf der anderen Seite des Flusses. Wie immer geht es um den Sieg ueber die Deutschen '45.

In Moskau gibt es selbst eine Auflistung sowjetischer “Heldenstaedte”, die sich besonders verdient gemacht haben im heroischen Kampfe fuer das kommunistische Vaterland. Minsk ist eine davon, wegen der schweren "Kesselschlacht" 1941. Die Russen haben zwar verloren, waren für Moskau aber trotzdem Helden:

Und kurz hinter dem Denkmal beginnt dann auch schon der kommunistische Teil von Minsk. Die Haeuser werden größer und grauer, die Autos älter und die Spielplaetze verfallen langsam. Und doch bin ich noch in einem der besseren Viertel, den Siedlungen der einfachen Leute bin ich noch nicht einmal nahe gekommen bisher. Ehemalige kommunistische Pracht umgibt mich.

Man sagt, eine Reise nach Minsk sei eine Zeitreise "zurück in die UDSSR". Und die Welt wirkt tatsaechlich wie konserviert, wie aus einer anderen Ära. Es macht Spaß, hier nur bewaffnet mit einer Kamera so durch die eine Welt zu stolpern, die ich nur aus dem Fernsehen kenne. Ich grinse die wenigen Leute an, denen ich begegne und die mich wiederum wie ein Gespenst angaffen. Aber das kenne ich ja mittlerweile schon zur Genüge. Als ich weiter so durch die Vergangenheit wandere, geht mir der Song von den Beatles einfach nicht mehr aus dem Kopf und ich pfeife leise vor mich hin.. Yeah!
">...Der Sound der Beatles passt einfach als wäre er für meinen Spaziergang gemacht, die Sonne scheint, hinter jeder Ecke wartet etwas Neues auf mich und ich habe unheimlich Spaß als ich so mit dem Lied im Kopf durch die Bereiche nördlich des Zentrum wandere. Ich stoße auf eine alte Markthalle mit neuem Reichtum.


Lange Häuserblöcke, alte, unheimlich stylishe Autos, Spielplätze aus Stahlrohren. "Back in the USSR" eben... 


Mit fast neuer Plakette.




Ehemals unheimlich moderne Wohnanlagen für die ein bisschen Gleicheren der Gleichen im Soziaismus.


Und überall die alten Autos. Der Wolga, Stolz der sowjetischen Automobilindustrie.




Ein Basketballplatz, auf dem das Gras durch die Risse im Boden sprießt.




Vieles ist heruntergekommen, aber wer behauptet, es haette sich nichts veraendert in Minsk, der luegt. Es gibt Bananen.

Trotzdem wirkt die Stadt ausserhalb der Altstadt traurig, der heruntergekommene Zustand der Siedlungen gibt allem einen leicht depressiven Charakter, selbst den Menschen, die mich ohne zu laecheln misstrauisch beaeugen. Es gibt eben wenig Touristen in Minsk, und noch viel weniger hier in diesem Stadtteil. Aber dann laufe ich durch einen Gruenstreifen, meine Schritte rascheln im Herbstlaub und ueberall liegen die frischen, braunen Kastanien. Als ich eine aus ihrer stacheligen Huelle nehme und meine Hand darum schliesse, habe ich ganz ploetzlich ein Gefuehl von zu Hause. Wie verrueckt, nur wegen der glatten, kuehlen Schale einer Kastanie! Aber es sind eben die kleinen Dinge, oft die, von denen man das Ganze Jahr nicht einmal gemerkt hat, dass sie nicht da sind, die kleinen Dinge, die mir zeigen, dass es nicht mehr weit ist bis nach Hause. Ich freue mich schon.

Auf der Suche nach Postkarten fuer meinen Bruder gehe ich irgendwann wieder zurueck in die Altstadt, im Park am Theater mache ich eine Pause und esse einen Laib Brot mit einer Leberwurst direkt aus der Huelle.



Die Aermsten werden hier wohl kaum wohnen, mit Blick auf den Park....



Die Leute auf dem Weg zum Kirchgang schauen mich an wie eine Schnittmenge aus Obdachloser und Marsmensch, der ich in ihren Augen offensichtlich bin auf meiner Parkbank. Mir ziemlich egal. Beim Einkauf in Moskau war ich diesmal vorsichtiger nach den Erfahrungen in Ulan Bataar, aus der Unmenge Leberwuersten mit einem grinsenden Schweinekopf habe ich schliesslich sorgfaeltig die gewaehlt, wo das Schwein am gluecklichsten guckte. Ich konnte ja eh nichts lesen. Eine gute Wahl trotzdem, stellt sich heraus. Mein Picknick schmeckt klasse nach den stundenlangen Spaziergaengen und ich geniesse die Pause richtig im Sonnenschein mit Blick auf das imposante Gebaeude des weissrusschischen Staatstheaters.


Ist zwar ziemlich neu, aber ganz im Sinne der großen Vergangeheit. Griechische Ideale fanden sie scheinbar alle gut, die Sozialisten dieser Zeit, ganz gleich ob National- oder nicht:

Man ist zwar sehr stolz auf den Prachtbau, der Laden wird aber so gut wie gar nicht genutzt. Man hat sich leider verrechnet bei den Plänen und jetzt hat das Ding die Akkustik eines Schuhkartons. Ungünstig sag ich mal, wenn man von strahlenden Opern und volltönenenden Konzerten träumt.

Schraeg gegenueber liegt eines der Altstadtviertel von Minsk. Ein Viertel von vielleicht 100 mal 500 Metern Flaeche, auf der sich noch die alten Minsker Stadthaeuser erhalten haben. Mittlerweile wohnen hier offensichtlich die Reichen der Stadt.







Aber nicht nur die Besserbetuchten haben hier ihr Domizil, auch die Miliz ist hier zu Hause. Ich halte lieber einen gesunden Abstand. Eine kleine Polizeiwache mit dem typischen Dienst-Lada der Milizionaere davor, wie ich ihn heute morgen schon von innen habe kennen lernen duerfen:

Die BMW 7er und S-KLassen dieser Welt sind zu gross fuer die schmalen Gaesschen und muessen leider draussen parken.


Als ich auf meiner Suche weiter durch die Stadt schlendere, komme ich immer wieder an Werbestaenden vorbei – es ist Wahlkampf in Weissrussland. Eine Diktatur versucht, einen Anschein von demokratischer Legitimasierung zu erwecken. Lukaschenko, der amtierende Despot, ist allerdings deutlich haeufiger und zentraler vertreten, seine Anhaenger schreien laut in die Strassen hinaus im Vergleich zu den Konkurrenten, die auf mich irgendwie sympathischer wirken als der Praesident mit starrem Blick, Halbglatze und buschigem Schnaeuzer. Die Anhaenger der Opposition sind auffaellig still an ihren kleinen Staenden. Ich traue mich nicht, Bilder zu machen von den Wahlkampfstaenden und den Parteisoldaten. Zu nah stehen die Milizionaere und zu frisch sind die Erinnerungen von heute morgen. Wer weiss, was hier alles verboten ist. “Wahlen in Weissrussland sind traditionell unfrei und gefaelscht”, sagt die ARD dazu. Vielleicht wird es ja diesmal tatsaechlich ein ganz kleines bisschen besser. Denn Lukaschenko will Geld von der EU, und die will nichts geben, wenn er sich nicht wenigstens Muehe gibt, seine Spielchen zu verschleiern...
Die Kathedrale des Heiligen Peter und Paul. Die Aelteste der Stadt und angeblich auch von innen einen Besuch wert. Der Plan steht also.

Leider hatte ich aber vergessen, dass Sonntag ist. Bei dem riesigen Auflauf von Orthodoxen oder wahlweise auch Baptisten, angefuehrt vom Prediger mit dem schweren Kreuz, die im Vorhof versammelt sind, nehme ich lieber Abstand von meinem Plan, um nicht zwangsumgetauft zu werden.
Weissrussische Gegensaetze die Erste...

...und die Zweite:

Anderthalb Stunden irre ich dann durch die Stadt bis ich Karten finde – wie schon der Ausdruck von Wikitravel meinte: Tourism is not a priority in Minsk. Wie wahr. Irgendwann finde ich ich in einem Nebenbuero einer Postfiliale eine staatliche Postkartensammlung und kaufe das letzte Exemplar, ausserdem noch eine Einzelkarte, herzergreifend haesslich alle beide. Die lustlose Verkaeuferin war tatsaechlich ueberrascht, ich habe vermutlich alle Postkarten in Weissrussland aufgekauft. Sieben Stueck.
Mein Mittagessen kaufe ich in einer kleinen Spelunke, in der das Menue ueber der Theke auf einer Tafel angeschrieben steht. Ich zeige einfach auf irgendwas, weil ich nichts lesen kann. Es wird eine dicke Suppe. Gar nicht mal schlecht, nur recht rustikal mit Schwarte und Knochen. Meine Mitesser kommen wahrscheinlich seit Jahren jeden Sonntag her und wenn ich auch nicht ein Wort verstehe, werde ich das Gefuehl nicht los, dass ich Gespraechsthema bin...
Ein Spaziergang durch die Innenstadt nochmal, zwischen Familien und jungen Paaren in der Sonne.


Das alte Rathaus, nach der Zerstörung durch die Deutschen, wie die meisten Teile der Oberstadt übrigens wiederaufgebaut.

Und der Ort, wo heute die Entscheidungen getroffen werden. Der Palast der Republik, Lukaschenkos Schloss. Ich habe ziemlich Probleme, mich und das Gebäude mit dem Selbstauslöser gleichzeitig auf das Bild zu bekommen, während die Kamera immer wieder von meinem Jackenstativ rutscht und wunderschöne Wolkenbilder schießt.

Und weil ich dann noch immer unheimlich viel Zeit habe, entschliesse ich mich, mich noch einmal aufzumachen in die Wohnblocksiedlungen der Stadt. Das Freilichtmuseum, als das Minsk beruechtigt ist. Weil ich mich nicht auskenne und niemanden fragen kann, nehme ich einfach die U-Bahn und fahre, bis es nicht mehr weitergeht. Wenn es an der Endstation nicht heruntergekommen ist, wo dann? Die Vorstaedte liegen ja leider ausserhalb meiner Reichweite...
Ich werde nicht enttaeuscht. Als ich die U-Bahnstation verlassen und eine Strasse ueberquert habe, stehe ich mitten in der Sowjetunion. Es hat sich kaum etwas veraendert, soweit ich das von meinem jungen Standpunkt aus beurteilen kann. Riesige Wohnbloecke ueberall. Ich ziehe meine Jacke hoch, um nicht so aufzufallen, stecke meine Kamera und das Pfefferspray in die Tasche und mache mich auf den Weg hinein in das Labyrint. Der Song von den Beatles kommt mir wieder in den Kopf, als ich losmarschiere in Richtung Vergangenheit...


Aber das hier ist noch einmal eine ganz andere Groessenordnung als die Viertel rund ums Zentrum, die ich schon von heute vormittag kenne. Hier wohnen die Arbeiter. Ich laufe kilometerweit in die Siedlung hinein und komme nicht einmal an eine groessere Strasse. Nur schmale gewundene Wege zwischen den Haeusern, teils nicht einmal geteert, versorgen die Zigtausenden Menschen, die hier leben. Dazwischen immer wieder Parkplaetze, auf denen der Stolz der sowjetischen Automobilindustrie aufgereiht steht. Teure Wolgas neben billigen Moskvitch und anderen, die ich nicht einmal kenne.




Je weiter ich komme, desto heruntergekommener wird die Gegend. Nichts mehr mit Paul's unbeschwertem "you don't know how lucky you are, boy". Die Muellabfuhr scheint nicht zu funktionieren, Spielplaetze sind verfallen und die Sportplaetze fuer die Jugendlichen aufgeplatzt und von Grasbuscheln uebersaeht. Was fuer eine Gegend!



Eine Schaukel, kaputt wie so vieles Anderes. Fehlt nur noch das leise Quietschen, wenn sie im Wind hin und her schwingt. 

Hier hat man einen neuen Basketballplatz einfach neben den alten gebaut. Der Alte nebenan verfällt einfach vor sich hin.

Ueberall lungern Gruppen von jungen Leuten herum. Freundlich zulaecheln wie in Asien kommt mir hier fehl am Platze vor, hier laechelt niemand. Selbst die Frisuren sind stehen geblieben in der Zeit, der Vokuhila des Ostens ins Reinform. Ich gucke also ausdruckslos vor mich hin, ziehe meine Jacke noch ein Stueck weiter hoch und gehe weiter als haette ich ein Ziel. Niemand scheint auf die Idee zu kommen, dass ich rein aus Interesse an der Gegend hier sein koennte, wahrscheinlich gibt es hier einfach nie Touristen.







Ich kann trotzdem jedem nur empfehlen, sich das einmal anzuschauen. Die Stimmung in diesen “Ghettos” ist einfach unbeschreiblich. Nur dass es eben einfach keine Ghettos sind, die ganze Stadt sieht so aus. Und das ist genau der Punkt. Auch bei uns oder noch viel mehr in Polen und sicherlich in den Oststaaten, in denen ich noch nicht war, gibt es heruntergekommene Gegenden, mit grauen Haeuserbloecken. Aber hier gibt es einfach nicht die Strasse, wo dann auch wieder ein anderes Viertel beginnt. Hier ist alles so, hier wurde seit Jahrzehnten nichts modernisiert. Das hier erscheint endlos. Der Himmel hat sich mittlerweile zugezogen und im grauen Licht wandere ich mehrere Kilometer weit in das Geflecht aus Betonwegen und Wohnblocksiedlungen hinein. Ueber zwei Stunden bin ich hier unterwegs und mein Ausblick veraendert sich nicht. So weit ich blicken kann, wird der Horizont von grauen, heruntergekommenen Wohnsilos verstellt, schmale Durchgaenge zwischen den Haeusern fuehren weiter zum naechsten Hinterhof. In alle Himmelsrichtungen. Die Buesche und das Gras sind seit Ewigkeiten nicht mehr geschnitten worden, um die Hauseingaenge tuermt sich der Muell und die beschmierten Betonbunker, die ueberall stehen, machen das Ganze noch unheimlicher. Fenster sind teils nur mit Pappe verklebt, in einem Land mit eisigen, langen Wintern. Auf einem der Parkplaetze steht ein Auto auf Ziegelsteinen. So eine graue, beklemmende und trostlose Atmosphaere habe ich noch nicht erlebt. Und noch einen ganz, ganz großen Unterschied zu den verfallenen "Ost-Vierteln westlicher Staaten" gibt es - während bei uns niemand mehr in solchen Gegenden wohnt, leben hier ganz normale Familien. Man kann den Menschen keinen Vorwurf machen, dass sie keine grossen Hoffnungen fuer die Zukunft nach ihren Wahlen hegen. Ich ziehe meine Jacke noch fester zu, fühle in der Tasche nach dem Pfefferspray, verberge die Kamera ein wenig und gehe weiter. Diese Gegend hier macht wirklich Eindruck auf mich.




Um nicht unnoetig aufzufallen, habe ich meine Fotos leider nur so unauffaellig wie moeglich machen koennen, hatte keine Gelegenheit, die depressive Stimmung im Ganzen einzufangen. Ihr muesst euch also eine ganze Welt vorstellen, die angefuellt ist mit Details wie denen auf den Fotos, egal wohin ihr blick, egal wohin ihr geht.






Je weiter ich vordringe in diese Gegend, je weiter ich mich von der U-Bahn entferne, desto heruntergekommener wird meine Umgebung. Als ich irgendwann wiederholt von Betrunkenen von einem Balkon herunter angebruellt werde, drehe ich um. Ich habe genug gesehen und muss nichts riskieren. Als ich die Strasse zur U-Bahnstation wieder erreiche, erwische ich mich dabei, wie ich befreit aufatme.

Kurz vor Sonnenuntergang stehe ich wieder am Bahnhof. Erschoepft vom langen, anstrengenden Tag aber froh, diesen Stopp eingelegt zu haben. Was ich gesehen habe, vergesse ich so schnell sicher nicht. Ich verwende meine restliche Stunde darauf, mich in einem Laden mit verschiedenen Alkoholika auf Russisch über weißrussische Spezialitäten beraten zu lassen, bis es Zeit wird, mein Backpack wieder abzuholen. Zwischen einem Mann im abgetragenen Anzug und zwei jungen Frauen mit riesigen Koffern warte ich gespannt auf meinen letzten Nachtzug fuer diese Reise. Diesmal fahre ich zweite Klasse!

Rail distance East China Sea-Minsk: 11369 km
Corresponding travel time in trains: 178 h - or - 7 d, 10 h and 3 mins
