04 01 2011

Goodbye for now

 

I finally finished my travel blog – at least for the time being and my journeys last summer, starting from Hong Kong last July into South East Asia and back home from the East China Sea by train, reaching the North Sea in Mid-October.

To those of you not speaking German and still following my whereabouts by simply watching the pictures on this blog I am now writing this last entry in English. I am really happy I could keep you interested even though you don’t understand a single word! It was a pleasure meeting all of you guys, talking to you, travelling with you, receiving help and most of all having fun with you. I greatly enjoyed my journey and I am sure to take off again for traveling in the future, maybe to meet up with some of you?

I added some fifteen entries during the last weeks home from Beijing and I hope you like it. Please don't forget to check on the entry "Feels like home" describing my time alone in Beijing. It is dated 3rd of september, but I uploaded it just recently even though you might know the following entry about Shanghai already. (An die, die kein Englisch sprechen: Vergesst nicht den Eintrag vom 3. Spetember über meine Zeit allein in Beijing. Ich habe ihn erst kürzlich hinzugefügt, auch wenn ihr den späteren Eintrag über Shanghai wahrscheinlich schon kennt.)

I will close my blog for now and dedicate some time to my studies, I have some exams upcoming and I’m running out of time. Still I have some unfinished blog entries saved on my disk, describing my way through Tibet, Northern China and the other half of South-East Asia. Just in case you are interested – feel free to check for news in about three months!

So I say goodbye for now, and even though I like the English language this is one of the rare things which sounds so much better in my native language. "Auf Wiedersehen" - "Until we meet again" more or less... And to those of you still on the road: Take care!

Best

Chris



11 10 2010

Home, sweet Home…

 

Donnerstag nachmittag um 17.55 Uhr hält die Rurtalbahn an der Haltestelle Kuhbrücke in Süd-Düren. Ich bin der Einzige, der aussteigt und der Bahnsteig ist leer bis auf zwei  kleine Jungs, denen offenbar langweilig ist.

Was soll‘s, ich nehme also meinen Rucksack wieder auf die Schultern und laufe los, für die letzten paar hundert Meter. Stur wie ich bin war es ja ohnehin mein Plan, das schwere Ding dann auch eigenhändig bis nach Hause zu tragen. Wenn schon, denn schon – da geht’s ums Prinzip. Ich reise wahnsinnig gerne und ich könnte auch noch gut so weiterziehen für eine Weile - aber jetzt, wo ich fast da bin, freue ich mich unheimlich wieder auf zu Hause. Mein Grinsen und mein schneller Schritt trotz schwerem Gepäck fallen einer alten Dame auf, die im Seniorenheim um die Ecke lebt und mit ihrem Wägelchen spazieren geht. „Nee, watt der Jung sich freut!“  - „Ich komme wieder nach Hause“, erzähle ich ihr.

Kurz bevor ich bei uns um die Ecke biege, ruft meine Mutter an. Meine eigene Cousine und meine eigene Mutter haben mich sozusagen fast vergessen. Freuen tun sie sich aber riesig, als ich in der Tür stehe und es gibt Kuchen und Geschenke für mich. Es ist unheimlich schön wieder daheim zu sein nach etwa dreizehn Monaten unterwegs. Ich freue mich auf mein richtiges Bett und eine Dusche, aus der heißes Wasser kommt.

Als ich den Rucksack auspacke, faellt mir meine Machete wieder in die Haende. Ich habe es tatsaechlich geschafft. 12 Grenzen habe ich ueberwunden mit jeweils Aus- und Einreisekontrollen. Ich musste mit vielen Grenzern und ihren Vorgesetzten diskutieren, habe unzaehlige Zollformulare ausgefuellt und musste viel zu oft unschuldig gucken. Aber ich habe es geschafft. Die Machete ist in Deutschland. Damit haette ich ehrlich gesagt selbst nicht gerechnet.

BILD WIRD NACHGEREICHT!

Ich habe auf der Durchquerung von China, der Mongolei, Sibiren und Europa etwa dreizehneinhalbtausend Kilometer auf der Schiene zurückgelegt, knapp neun Tage reine Reisezeit im Zug hat mich das gekostet - genauer gesagt 8 Tage, 21 Stunden und 8 Minuten. Mit all meinen Stopps habe ich etwa anderthalb Monate für die Strecke von Ozean zu Ozean gebraucht. Und ich war selbst überrascht, als ich meine Rechnung aus Interesse mal weitergeführt habe - insgesamt hätten mich all meine Reisen in diesem etwas über einem Jahr streckenmäßig zweimal rund um die Welt gebarcht, über 82000 km weit. Die Zeit war der Wahnsinn, ich habe so viel erlebt, so viele Eindrücke gewonnen, die ich hier nur andeutungsweise wiedergeben konnte, ganz abgesehen von all den Reisen, die ich hier nicht einmal beschrieben habe. Ich habe viele Strapazen in Kauf genommen aber auch so viele Menschen kennen gelernt, so viele nette Gespräche geführt mit Menschen, wie sie unterschiedlicher wohl kaum sein können. Der Real-Estate Manager in Kuala-Lumpur, der zwischen New York, Riad und Tokio pendelt und der einsame Parkwächter, der allein auf einer verlassenen Insel im abgelegensten Bundesstaat der Philippinen Monat um Monat Dienst in seiner moskitoverseuchten Hütte schiebt, ohne jemals Menschen zu Gesicht zu bekommen. Der reiche Unternehmerssohn in China, der eine S-Klasse als AMG faehrt und uns Europäern einen nach dem anderen ausgab und die alten Männer in einem abgelegenen Dorf in den Bergen in Nordvietnam, die unsere Sprache nicht sprachen und sich wie die Kinder freuten, als sie sich während eines Stopps kurz auf unsere alten sowjetischen Motorräder setzen durften. Und immer wieder die langen Gespräche mit anderen Reisenden, die einem wirklich die Augen öffnen können.

Was ich so toll finde am Reisen, ist, dass man zwar lernt, was man besser machen kann in der Heimat. Wir Deutschen sehen alles immer gar so streng und es täte keinem weh, auf der Straße mal freundlich zu grüßen oder die Dinge ein bisschen positiver und mit einem Lächeln anzugehen. Uns nicht immer zu beschweren und zu glauben, unser Leben wäre mies, wenn Menschen in Laos, die nichts haben als ein dunkelbraunes Schwein und ein minenverseuchtes Reisfeld finden, es ginge ihnen gut. Aber: Man lernt auch das zu schätzen, was man vorher vielleicht gar nicht so wahrgenommen hat. Wie toll es ist, dass in Deutschland eine Vereinbarung eingehalten wird. Dass Straßen nicht einfach im Nichts enden und ein Schaffner dich nicht vollkommen besoffen und ahnungslos abweist, wenn du nach der Zugnummer fragst.  Dass die Oeffentlichkeit es sich nicht gefallen laesst, wenn die FDP sich kaufen laesst und dass man eine Cola mit Eiswürfeln bestellen kann ohne Angst vor verunreinigtem Wasser haben zu müssen. Dass man ein Gefühl der Sicherheit hat, wenn man die Polizei sieht und dass man in guten Haenden ist, wenn man krank wird.

Auch wenn ich sicherlich irgendwann noch einmal meine Sacken packen und losfahren werde – ich bin froh, wieder zu Hause zu sein. Und damit endet dieser Blog hier, vielen Dank fuers Mitlesen, ich habe mich immer sehr ueber eure Kommentare gefreut.

Die halbfertigen Eintraege, die ich noch auf meinem PC habe, ueber Tibet, ueber Sued-Ost Asien die Erste und ueber das Leben in China, all das werde ich nach meinen Klausuren nach und nach ergaenzen und hochladen. Wer mag, kann gern immer mal wieder nachschauen! Ich werde es euch aber auch über Facebook und Co wissen lassen. Bis dahin: Zaijian!

Euer Christoph

Total rail distance home from the East China Coast to Düren (D): 13483 km

Total travel time in trains: 213,13 h - or - 8 days, 21 hours and 8 mins



08 10 2010

Am norddeutschen Strand...

 

Dass man mich fuer verrueckt halten wird, weiss ich. Aber ich bin tatsaechlich zur Nordsee gefahren. Von der Ostchinesischen Kueste bis zur Westeuropaeischen, vom Pazifik zum Atlantik. Das war ja mein Traum. Und das wollte ich wahrmachen. Bremerhaven hatte ich mir auf der Karte ausgesucht, sollte schoen sein. Leider hat sich die Stadtbesichtigung dann allerdings eher so in die Nachtstunden verlagert. Um nicht zu sagen, sie ist der Nacht zum Opfer gefallen, aber was soll's. Kulturelle Erfahrungen nennt man so was!



Ich habe mir ein norddeutsches Kleinod namens “Wurster Nordseekueste” ausgeguckt als Endpunkt meiner Strecke. Einfach nur, weil's so gut klingt. Eine kleine Regionalbahn wuerde mich die letzten Schienenkilometer bis Wremen, einem Badeort tragen, ab da noch ein paar Kilometer zu Fuss mit dem Rucksack auf den Schultern. Ich fuehle mich ein bisschen wie in Knockin' on Heaven's Door, wenn ich nach dem Weg frage. “Ich will zum Meer...” Ein paar Maedels finden “die Touristen suess, die haben keine Ahnung, wo's langgeht”. Als ich ihnen sage warum, sind sie lieber still.

Noch liegt der Morgennebel ueber dem norddeutschen Tiefland, schade, wird also wohl nichts mit meinem Foto auf der Deichkuppe mit Weitblick ueber den Ozean. Eine tolle Atmosphaere trotzdem, wenn die Sonne so gerade durch den Dunst bricht, niemand unterwegs ausser mir...




Ich durchquere ein Dorf. Ein Örtchen, genau wie ich mir einen typisch norddeutschen Fischerort vorstelle. Überall die kleinen Fachwerkhäuschen und der rote Ziegel. Höfe, die die umliegenden Felder bewirten, ein Fischhändler und ein kleines "Museum für Wattenfischerei". Und immer noch ist alles menschenleer.

Und natürlich die Hauptstraße mit dem klangvollem Namen.

Noch einmal wandere ich durch nebelverhangene Wiesen und über einsame Feldwege.

Ich stolpere einen weiteren Deich hinauf. Weit kann es nicht mehr sein.

Und dann stehe ich am Meer. Geschafft. Endlich. Gut 13.000 km auf der Schiene und knapp neun Tage im Zug hat mich der Spass gekostet. Und jetzt bin ich da.

Noch niemals habe ich ein so spiegelglattes Meer gesehen. Ein Becks auf den Erfolg und nasse Fuesse, weil ich die Flut vergessen habe. Und dann laufe ich mit einem 20 kg Rucksack und einer Essenstuete im Dauerlauf kilometerweit durch die Felder. Ich bin voellig fertig.

Als ich den Bahnhof erreiche, reisst der Himmel auf und der Nebel verzieht sich. Scheisse. Immerhin schaffe ich es wider Erwarten noch zum Zug. On the rail again, ein paar laecherliche Hundert Kilometer noch bis nach Hause...

From Ocean to Ocean: 13.019 rail kilometers

207 h – or - 8 d 14 h and 42 mins in trains so far

 

 

 

 

PS: Special thanks to Alice. I made it. This pic is to you – a bit wrecked, but I still have them as you see... ;-)



07 10 2010

Berlin, baby!

 

Warschau-Berlin. Der erste Sitzplatzzug seit, ja seit wann eigentlich? Von Tianjin nach Beijing, im allerersten Zug, bin ich Sitzplatz gefahren. Seitdem nur noch im Liegen. Und wieder ein kleines bisschen besser als der vorhergehende. Es gab wieder Strom, der erste Zug ueberhaupt seit Tianjin, der nicht mehr dieselgetrieben ist. Ich habe mich lange mit Tamek unterhalten, einem polnischen Studenten aus Frankfurt (Oder) und bin durch bluehende Landschaften gefahren. Polen und Russland trennen Welten! Hinter Poznan kommen dann nur noch lichte Waelder, schoen ist es da. Und dann ueberqueren wir die Oder. Heimaterde, endlich! Wir fahren an Schrebergaerten vorbei. Schoen, dass sich nichts geaendert hat. Kurz darauf begegnet mir die erste Berliner S-Bahn.

Als mir auffällt, dass ich soeben ohne Kontrollen die letzte Grenze auf meiner langen Reise passiert habe, grinse ich breit. In meinem Rucksack im Gepäcknetz über mir liegt noch immer die Machete. Ich habe es tatsächlich geschafft! Wider alle Wahrscheinlichkeiten und jedes Erwarten, aber ich habe sie noch! Höchst unwahrscheinlich, dass jetzt durch irgendeinen unglücklichen Zufall noch etwas dazwischenkommt - ich muss sie nur noch die letzten paar hundert Kilometer bis nach Hause tragen...

Die Sonne steht schon tief, als ich Berlin Hauptbahnhof erreiche. Pustekuchen nichts geaendert. Es gibt keine 99ers mehr bei Burger King! Faszinierend aber, dass ich die Gespraeche rund um mich herum ploetzlich alle wieder verstehe. Ich freue mich echt und hoere neugierig hin, in voellig fremden Laendern ist man ja doch irgendwie immer ein bisschen isoliert.

Am Bahnhof Zoo steht dann schon Lin, grinsend wie immer, eine Freundin aus Peking. Gerade noch habe ich mich mit Tamek ueber das tolle chinesische Essen unterhalten und wie sehr ich es doch vermisse, trotz der Vorfreude auf Kaese und Co. Und dann fragt Lin doch tatsaechlich, ob ich nicht abends mitkommen wolle, wir seien bei Freunden eingeladen, es gaebe Hot Pot. Da lass ich mich doch nicht lange bitten!

Am naechsten Morgen ging es zum Brunch um die Ecke, gleich an der Kaiser-Wilhelm Gedaechtniskirche. Lin wohnt echt traumhaft da. Die S-Bahn zum Nachtleben gleich um die Ecke und rundum die alten Straßenzüge und Cafés von Westberlins Tourismusvierten. Ein Spaziergang durch Berlin, hier ein Cappuccino, da ein Milkshake. La Dolce Vita bei Sonnenschein.

Und was ich noch nicht mal wusste – Lins Mutter hat ein Restaurant mit Sechuan-Kueche, und zwar echt ein richtig Tolles! Ich war schon echt satt, aber da musste ich doch trotzdem mittags noch was essen, aus reinem Appettit. Unheimlich gut und original, die fliegen dafuer sogar extra Koeche ein. Sollte also jemand da mal in der Naehe sein und Lust haben auf ein bisschen China, dann kann ich “Tian Fu” wirklich nur empfehlen. Schoen eingerichtet und tolles Essen zu fairen Preisen.

Am spaeten Nachmittag geht es wieder zum Bahnhof. Auf meinem Weg mache ich überall kleine Umwege, spaziere ein kleines bisschen durch die Sonne in Berlin.

Wurde aber auch mal höchste Zeit mit der Renovierung! ;-)

Ein bisschen Bummel durch das Regierungsviertel noch, einfach, weil ich die Zeit noch habe. Ich war ja schon mehrmals in Berlin fuer die Touristennummern, da kann ich diesmal getrost drauf verzichten. Ich bin selbst zu faul, noch die paar hundert Meter bis zum Brandenburger Tor zu laufen.

Und als ich den Bahnhof erreiche, geht die Sonne auch schon wieder unter. Wie so oft in den letzten Wochen. Während ich am Bahnhof sitze, auf meinen nächsten Zug wartend, und in die Kuppel über mir schaue, höre ich einmal mehr das Album "Berlin Calling" auf meinen Kopfhörern. Wo könnte es besser passen als hier beim Sonnenuntergang?

">...

Eine halbe Stunde Verspätung hat mein Zug. Willkommen in der Heimat! Berlin leuchtet, als ich dann endlich im ICE 3 Sprinter Richtung Hamburg fahre. Nach all dem Rattern, Schwanken und Kreischen der vergangenen Wochen ist das hier eine Wohltat. Lautlos, sanft und in gepolsterten Sitzen. Fast wie Fliegen. Zugtechnisch bin ich jetzt ganz oben auf meiner Reise...

Distance from Eastern Chinese Coast: 12525 km

Total time spent in trains: 201 h – or - 8 d, 9 h and 10 mins



06 10 2010

Warschau – oder: The Phoenix City

 

Morgens um kurz vor sechs rollt der Zug in Warschau ein, der Horizont wird schon langsam hell. Schlaftrunken klettere ich aus dem Zug, verabschiede mich von Wladimir und mache mich auf die Suche nach etwas zu essen. Meine letzte Mahlzeit war schon wieder die Suppe gestern mittag.

Leider besteht  aber der Bahnhof von Warschau groesstenteils aus einem verwirrenden Labyrith von Kellern mit Shoppingmoeglichkeiten, in dem ich mich innerhalb weniger Minuten verlaufen habe. Jeder Gang sieht gleich aus, Ausgaenge mit Strassennamen sagen mir nichts. Als ich um eine weitere Ecke biege, stehe ich vor einem Burger King. Na also! Geht doch. Ich stehe schon an der Kasse, als mir auffaellt, dass ich ja mal wieder kein Geld in der Landeswaehrung habe. Peinlich. Einer im Laden spricht Englisch, er erklaert mir, ich muesse in die Bahnhofshalle, davor waeren Automaten. Wie ich dahinkaeme? Er schaut mich ein bisschen erstaunt an. Als haette ich das nicht die ganze Zeit versucht! Da gegenueber in den Gang, dann rechts, nochmal halbrechts, links und dann rechts zwischen Bahnsteig zwei und drei die Treppe rauf. Sonnenklar also. Waer ja auch beschildert. Als ich versuche seinen Anweisungen zu folgen, kommen weder Bahnsteige noch Treppen. Ich blicke mich suchend um. Witzbold. Die Beschilderung ist natuerlich auf Polnisch. Als ich erfolglos ein paar Leute auf Englisch angesprochen habe, versuche ich es auf eigene Faust. Ich fuehle mich ein bisschen wie ein Erdmaennchen im Kölner Zoo, als ich die Ausgaenge nacheinander einfach durchprobiere. Fuer ein paar Sekunden komme ich jeweils aus den Treppenaufgaengen raus auf die Straße, drehe mich suchend sozusagen auf den Hinterbeinen, orientiere mich kurz und verschwinde wieder in meinem Bau, um woanders wieder aufzutauchen. Ich kann die Bahnhofshalle die ganze Zeit sehen von meinen Hoehleneingaengen aus, jenseits von Strassen, Zaeunen und Mauern - aber erstmal hinkommen!

Als ich schliesslich den richtigen Ausgang erwischt habe, hole ich Geld und stelle mich in die Schlange, um ein Ticket nach Berlin zu bekommen. Die Aussicht, zurueck in die Tunnel zu muessen, ist eher maessig attraktiv - Burger King entfaellt. Als ich endlich ganz vorn in der Schlange stehe und “Berlin?” frage, stelle ich fest, dass ich mich zwei weiter rechts haette anstellen muessen. “No international here”. Nun ja, was soll's. Zeit hab ich ja genug. Allein ins Blaue reisen in fremden Laendern ist eben immer auch ein bisschen Try and Error. Und dann klappt mal wieder alles irgendwie. Ich halte das letzte Ticket in den Haenden, das mir seit Tagen doch ein bisschen Sorgen gemacht hatte. Und das noch billiger als online. Ich trete aus der Bahnhofshalle, den Rucksack auf den Schultern und nichts als eine Adresse auf einem kleinen Zettel in der Hand, als die Sonne aufgeht ueber Warschaus Innenstadt. Das ist mein Gefühl von Freiheit...

Scheiß Freiheit. Ich hab mich verlaufen. Ich hatte mal wieder keinen Stadtplan und bin eine Straße zu früh abgebogen. Eine Stunde mit schwerem Rucksack für eigentlich kaum mehr als quer über den Platz laufen. Jetzt bin ich einfach nur platt. Die letzte Nacht war echt hart, erst mein langes Gespraech mit Wladimir und dann die Grenzer, die über eine gefühlte Ewigkeit im Viertelstundentakt in den Zug kamen, mal mit, mal ohne Hund, mal mit weißrussischen, mal mit polnischen Hoheitsabzeichen. Immer wieder raus aus dem Bett, Augen weit auf und Fragen beantworten.

Als ich dann todmüde im Hostel ankomme und noch kein Zimmer frei ist, lege ich mich erst mal auf die Couch. Viel mehr als zwei, drei Stunden Schlaf werden’s nicht gewesen sein alles in allem letzte Nacht. Als ich nach einem Nickerchen wieder aufwache, sitzt mir Jo gegenüber. Ein Südafrikaner, Johannes aus Johannesburg, wie er sich mit breitem Grinsen vorstellt. Stellt sich raus – er studiert seit einigen Jahren in Freiburg und kann super Deutsch. Bis wir das allerdings raus haben, dauert es – die erste Zeit unterhalten wir und nur auf Englisch. Er wartet hier auf vier Freundinnen, die ich morgen leider verpassen werde, die fünf kommen zum Sightseeing, Shopping und Feiern nach Warschau und Danzig. Ist echt ein richtig netter Kerl, dieser Jo. Zusammen ziehen wir los, um uns Warschaus Altstadt ein bisschen anzuschauen. Die liegt entlang der Weichsel und ist übrigens richtig schön. Zuerst ist aber die Neustadt dran. Jedem beliebigen Touristen hätte man all das hier aus dem 14. Jahrhundert gut und gern auch als Altstadt verkaufen können, aber alt ist eben relativ.

Die lange Haupteinkaufsstraße mit Uni, Regierungsgebäuden und Theater entlang der Weichsel...

Vor allem die Uni begeistert mich, die Studenten sitzen in kleinen Gruppen in der Sonne, irgendwie gucken alle glücklicher als an der RWTH und alles ist überschaubar, zentral und in tollen alten Gebäuden untergebracht.

Das Theater.

Hinter der Stadtmauer beginnt dann das wirklich alte Warschau. Naja, mehr oder weniger wirklich, auch das hier war mal im Krieg zerstört. Johannes und ich vor den Resten der Stadtmauer:

In der Altstadt regieren die Farben:

Berühmt.

Eine kleine Stichstraße runter zum Fluss.

Toll übrigens, dass hier echt noch alte Leute wohnen, Seniorinnen mit obligatorischem Dackel und kleiner Rente. Solche Häuser in dieser Lage wären bei uns von Single-Yuppies mit Retro-Kühlschrank oder beruflich erfolgreichen Patchworkfamilien mit Einzelkind, Fair-Trade Kaffee und Echtholzparkett bewohnt.

Nicht umsonst traegt die Stadt ihren Beinamen als „Phoenix City“. Man hat die Stadt nach dem Krieg nach alten Fotos wieder aufgebaut. Das erfahren wir von einem alten Mütterchen, das wir in einer kleinen Suppenküche treffen, wo wir mal wieder die einzigen Ausländer sind – Jo ist offensichtlich genau wie davon überzeugt, dass man mehr vom Land kennen lernt, wenn man abseits der Touristenpfade wandelt. Wir haben zwar mal wieder keine Ahnung was wir bestellen, aber Kartoffelbrei ist dabei und irgendein Gemüse. Ich hab ein Schnitzel erwischt.

Die besagte Dame ist jedenfalls weit über siebzig und als sie mich bittet, ihr beim Tragen des Tabletts zu helfen, setzen wir sie an unseren Tisch und man kommt ins Gespräch. Sie spricht perfekt Englisch, mit einem Vokabular, bei dem selbst wir staunen. Höchst unüblich für Menschen aus dieser Zeit im ehemaligen Ostblock, außer ihr und ein paar Studenten spricht niemand Englisch dort. Wir fragen mehrfach nach, aber sie will uns partout nicht erzählen, woher ihre Sprachkenntnisse kommen. Wir spinnen schon die wildesten Geschichten über Regierungsposten, Auslandsverwendungen und Geheimdiensttätigkeiten… Englischlehrerin wäre natürlich zugegebenermaßen auch eine Option. Klingt nicht schlecht, ist mir aber zu naheliegend.

Den Abend verbringen wir in der Bar im Hostel bei ein paar polnischen Bier. Die verschiedensten Typen, viele Erasmusstudenten auf Wohnungssuche, ein paar Australier auf Europareise und Leute auf Kurzbesuch aus ganz Europa. Unterhaltsame Mischung, aber auch ein bisschen verrückt. Ich hab mich langsam dran gewöhnt, nach drei Monaten in Hostels.

Als wir später noch ein bisschen um die Haeuser ziehen, habe ich ein Déja-Vu, als ich um die Ecke biege. Moskau in Sparversion, hellerleuchtet. Stalins Vorstellung einer perfekten Stadt hat es selbst in die letzten Winkel seines Riesenreiches geschafft.

Man wollte das Gebaeude schon abreissen lassen, hat sich aber dann doch anders entschieden. Irgendwie gehoert es eben doch mit zu Warschaus Geschichte.

Am nächsten Morgen frühstücken wir noch gemeinsam und dann mache ich mich gegen Mittag auf, um den nächsten Zug zu nehmen. Den Zug, der mich nach etwa 13 Monaten zum ersten Mal wieder zurück nach Deutschland bringen wird…

Rail distance from the East China Sea: 11919 km

Corresponding time in trains: 191 h - or - 7 d, 23 h and 25 mins




05 10 2010

Gelbe Sterne auf blauem Grund

 

Als die Diesellok auf Gleis 3 im Haupbahnhof von Minsk zum Halten kommt, wippe ich schon nervoes von einem Bein auf das Andere. Ich muss pissen wie ein Rennpferd.

Diesmal fahre ich zweite Klasse, nicht, weil ich ploetzlich ein Verlangen nach Luxus bekommen haette, sondern weil auf diesem Zug keine billigeren Tickets erhaeltlich sind. Glaubt mir, ich habe es versucht. Als ich in den Waggon klettere, fuehle ich mich tataechlich wie in einer anderen Welt. Gut 11000 km habe ich jetzt in lauten, ueberfuellten Grossraumschlafwagen zurueckgelegt und ploetzlich gibt es sogar Gardinen und Plastikpflanzen!

Wir schlafen in Vier-Personenabteilen, die sogar eine Schiebetuer haben, um die Hektik des Ganges auszuschliessen, mit mir sind noch zwei junge Frauen und ein grosser Weissrusse auf dem Weg nach Deutschland mit von der Partie. Ich kriege davon zunaechst wenig mit, denn ich muss ja pissen. Hektisch krame ich meine wertvollsten Besitztuemer zusammen, mein Geld, mein Pass, mein Netbook, werfe mein Backpack auf die Koje und stehe schon vor der Toilette, als die Letzten noch zusteigen. Abgeschlossen. Klar, wie immer auf diesen Zuegen geht die Spuelung gleich auf die Gleise und ein “In Bahnhoefen bitte nicht spuelen!”-Schild haette hier in etwa soviel Effekt wie eine Aufforderung mit “Bitte nicht rauchen!” Ich wippe also weiter von einem Bein auf das andere und zwinge mich, an was Anderes zu denken. Endlich ruckt der Zug an und wir rollen aus dem Bahnhof. Leider hat der Schaffner aber anscheinend eine andere Prioritaetenliste als ich. Nach Abfahrt wird zuallererst das Bettzeug ausgegeben und die Fahrscheine kontrolliert. Dann Teewasser aufgesetzt und DANN die Toiletten aufgeschlossen. Leider muss ich in meinem Abteil anwesend sein bei der Fahrscheinkontrolle, um den Abgleich zu vereinfachen. Unser Abteil ist eines der letzten im Waggon und es dauert ewig, bis jeder Bettwaesche hat und abgehakt ist. Als ich endlich mein OK bekomme, flitze ich wieder zurueck zum Gangende. Vor der Toilette stehen die Menschen mittlerweile Schlange.

Irgendwann spaeter an diesem Abend unterhalte ich mich mit Wladimir, dem grossen Weissrussen aus meinem Abteil. Als er hoert, dass ich aus Deutschland komme, ist er begeistert. Der Mann spricht wirklich klasse Deutsch - und alles was er kann, hat er als Erwachsener aus Hoerbuechern und Schulheften gelernt. Freiwillig, rein aus Interesse, ohne dafuer eine wirkliche Verwendung zu haben. Ihm gefiele der Klang der Sprache. :-) Wir unterhalten uns noch lange auf dem Gang auf Deutsch, er ist uebergluecklich, seine Kenntnisse anwenden zu koennen. Es ist echt interessant, was er ueber die Reisefreiheit und seine Erfahrungen im Ausland so erzaehlt und er ist gar Gold wert, wenn es darum geht, die Betrunkenen umgehend wieder loszuwerden, die uns zum Wodka zwingen wollen. Irgendwann spaetabends lege ich mich in meine Koje und schlafe zum letzten Mal ein zum rhytmischen Rattern der Schienen, vom Schwanken des Zuges geschaukelt. Das wird mir fehlen, es ist meine letzte Fahrt ueber Nacht...

“Guten Abend! Добрый вечер!” Die Tuer geht auf, das Licht geht an. Der Schaffner verteilt Einreiseformulare fuer Polen. Als alle schlaftrunken am kleinen Tisch ihre Zettel ausgefuellt haben, legen wir uns wieder hin.

Ich habe die Augen kaum wieder zugemacht, da geht die Tuer schon wieder auf. Diesmal gibt es Zollerklaerungen fuer alle. Ich frage mich, ob man uns aergern will und die Formulare absichtlich alle einzeln ausgibt. Ob ich Drogen, Sprengstoffe oder Waffen mitfuehre? Nein. Wo ich herkomme, faellt eine Machete unter “Gebrauchsgegenstand”. Ich drehe mich wieder um und hoffe, dass sie meinen Rucksack nicht kontrollieren. Neben meiner Machete habe ich naemlich auch zu viel weissrussischen Wodka als Geschenke dabei. Weil ich so lieb gucke, glaubt man mir ungesehen.

Dann kommen die Zoellner. Mal mit, mal ohne Hund, mal zum Stempeln, mal zum Fragen.Und immer gibt man uns dazwischen gerade genug Zeit um einzuschlafen, bis der naechste kommt. Rumms! Die Tuer wird noch ein letztes Mal aufgeworfen. Ich werde aufgefordert, aufzustehen und ein Hund steckt mal wieder seine kalte Schnauze in mein Bett. Die Machete, die unter meinem Bett liegt, findet er wie alle seine tierischen und menschlichen Kameraden an den Grenzen zuvor nicht. Den Alkohol genausowenig. Wieder ein Stueck naeher an Deutschland. Wenn ich jetzt nichts Dummes mehr mache und nicht zufällig in eine Stichprobenkontrolle an der polnisch-deutschen Grenze gerate, dann könnte ich es schaffen… Als ich mich zwinge, meine Augen wenigstens soweit zu oeffnen, dass der Beamte meine Augenfarbe vergleichen kann, blicke ich auf die Uniform des Grenzers. Rot und weiss prangen da auf der Schulter des polnischen Soldaten – und ein blauer Kreis mit gelbem Sternenkreis. Als er meinen Pass zuschlaegt und mir zurueckgibt, bin ich wieder in der EU...

Ein paar Stunden spaeter rollen wir kurz vor Sonnenaufgang in Warszawa Centralna ein.

Rail distance between Minsk and Warsaw: 704 km

Travel time today: 13h, 22 mins



05 10 2010

Back in the USSR...

 

“Republik” Belarus, zwischen Russland und Polen, die letzte Diktatur Europas mit Lukaschenko als Kaiser. Ich glaub ich hab irgendwie einfach ein Faible fuer abgehalfterte Staaten.

Immerhin - die gute Nachricht zuerst: Das Stadtzentrum von Minsk ist viel, viel schoener, als ich es jemals erwartet haette. Die schlechte Nachricht allerdings: Sobald man den innersten Teil hinter sich gelassen hat, ist es genauso haesslich, wie man sich erzaehlt. Und zwar uebergangslos. Aber spannend haesslich immerhin. Minsk ist naemlich eine Art gigantisches Freilichtmuseum fuer die juengere Vergangenheit, eine Art living Soviet Union. Weissrussland ist vor 30 Jahren schlichtweg stehen geblieben in der Zeit.

Aber zuerstmal mein Problem mit dem betrunkenen Russen. Hat sich uebrigens recht rustikal geloest. Der Schaffner kam vorbei und mit Hilfe der Jungs gegenueber habe ich klar machen koennen, dass der Typ da fehl am Platze sei. Was dann kam, war wie Kino. Der Schaffner hat ihn erst an der Schulter beruehrt, um ihn zu wecken, dann immer fester geruettelt, spaeter geschlagen und schliesslich am Ohr gezogen, daran hin und her geschuettelt und mit dem Kopf auf die Tischplatte geschlagen. Sehr russisch, aber zwecklos. Der Typ schlief erstmal. Jeder mitteldeutsche Alkoholiker ware wahrscheinlich laengst tot bei dessen Pegel. Irgendwoher hat der Schaffner sich dann noch zwei Mann organisiert und dann wurde mein Kumpel hier auf die Beine gestellt. Half aber nix, der schlief ja wie gesagt. Fiel immer wieder um. Also wurde an Haenden und Fuessen angefasst und der Typ regelrecht durch den Gang geschleift. Jetzt hatte er aber leider eins der oberen Betten und war ziemlich dick. Mehr schlecht als recht haben wir den also zu viert da hochgehievt und buchstaeblich mit Schwung in seine Koje geworfen. Der hat die Nacht da ziemlich verdreht und unbequem verbracht, kann ich euch sagen... Wilde Geschichten hier, aber ich muss immer noch grinsen, wenn ich an das ratlose Gesicht des Schaffners denke, als Typ weiter schnarchte, als er ihm fast das Ohr abgerissen hat!

Russland und Belarus haben uebrigens so eine Art Schengen-Abkommen. In guter alter Tradition nennt sich das da aber “verbuendete Staaten”. Mir egal, wie's heisst, fuer mich bedeutet das jedenfalls, dass ich nachts nicht geweckt wurde fuer Passkontrollen – und es bedeutet fuer meine Machete eine Gefahr weniger. Die schlummert jetzt uebrigens friedlich im Bahnhofsschliessfach. Leider bin ich dann eine Stunde zu frueh aufgestanden, scheiss Zeitverschiebung mal wieder. Immerhin. Kurz vor Sonnenaufgang stehe ich auf weissrussischem Boden vor dem Bahnhof in Minsk...



Der Bahnhof mit dem Gebaeude gegenueber ist dann neben der Nationalbibliothek uebrigens auch das einzige moderne Gebaeude in ganz Minsk, das ich gesehen habe. Der Verdacht liegt nahe, dass es das einzige in ganz Weissrussland ist.

Reisefuehrertechnisch bin ich ja wie erwaehnt stark optimierungswuerdig ausgestattet, ich haette also zumindest gern eine Karte. Die gibt's sogar in lateinischer Umschriftt gleich am Bahnhof, ich muss nur draufzeigen und ein paar Tausend Geld auf den Tisch legen. Ich bin begeistert. Leider haelt das nicht ganz so lange vor. Denn wer auch immer von euch nach meiner Beschreibung mal nach Minsk will – aufpassen, die englische  Karte ist falsch! Die U-Bahnstationen stimmen nicht mit der Realitaet ueberein und Linien sind eh nicht eingezeichnet oder benannt. Da es in Weissrussland aber nur zwei U-Bahnlinien gibt, war Letzteres zumindest noch ertraeglich. Problematischer war das mit den Stationsnamen, zumal es leider eine andere Haltestelle gibt, die genau so heisst, wie laut Karte die Metrostation heissen sollte. Hinzu kommt ein weiteres Problem, an das ich so noch nicht gedacht hatte. Ich kann mittlerweile zwar einige Vokabeln, aber ich hatte nicht damit gerechnet, wie wichtig das Wörtchen "wo" sein kann! Wenn ich stolz meinen Stationsnamen ausspreche und versuche, fragend dabei zu gucken, ernte ich nichts als ein ratloses Gesicht. Als wolle man mir sagen: Bist du blöd? Klar, kenn ich - und was ist jetzt damit!? Ich weiß übrigens noch immer nicht, was wo auf Russisch bedeutet. Ich fahre also versehentlich erstmal Strassenbahn, und weil ich das Bezahlsystem nicht vestanden hab auch noch schwarz. Hatte mich ehrlich gesagt auch schon ein bisschen gewundert, dass die U-Bahn hier so wenig “U” sein sollte, aber wer weiss, wie das hier so laueft. Andere Laender, andere Sitten.


Es stellt sich aber raus, dass ich eben nur zu doof war. Als ich die Ubahn naemlich einmal gefunden habe, geht's ganz gut. Leider ist die Zahl “Vier” auf Russisch aber echt richtig schwer. Ich kann also nur bis drei zaehlen. Und versuch damit mal vier Tickets zu kaufen, bei einer Frau, der es absolut unvorstellbar ist, dass jemand kein Russisch koennen soll! Meine vier hochgestreckten Finger ignoriert sie jedenfalls gekonnt. Leute gibt's! Im Endeffekt muss ich mich allen Ernstes beim Nachbarschalter noch einmal anstellen. Mitdenken ist definitiv nicht so die Staerke dieser Frau! Was die Ubahn angeht, hat Minsk dann ganz klar das Moskauer Vorbild zu kopieren versucht. Sogar die Zuege sind die Gleichen...



Der Plan ist, zunaechst das “schoene” Minsk im Stadtzentrum zu besuchen und dann spaeter weiterzuziehen ind das alte, graue und haessliche Minsk. Und als ich aus der Ubahn komme, bin ich ueberrascht, dass Minsk eben tatsaechlich nicht nur aus Plattenbau besteht. Am Fluss gelegen ist die Innenstadt zwar teils kommunistisch gepraegt, aber eigentlich wirklich huebsch hergerichtet. Und die wirklich alten Viertel waeren in jeder westeuropaeischen Stadt gar heillos von Touristen ueberlaufen. Hier bin ich allein...

Nur ein paar Einheimische beten vor den Kirchen. Die alten Leute fallen alle drei Schritte auf die Knie und bekreuzigen sich, aber irgendwie nehme ich es
ihnen ab. Man ist hier eben noch immer unheimlich gläubig.

Drei post-sozialistische Schönheiten am Ufer der Swislatsch.

Und dann habe ich doch noch mein unschoenes Erlebnis: Ich bin von einem korrupten Polizisten abgezogen worden. Ich wandere die menschenleeren Strassen entlang, mitten in der Minsker Innenstadt, als ploetlich die Miliz in einem alten Lada neben mir haelt. Fenster runter: “(Irgendwas auf Russisch)!” Entschuldigender Blick von mir, ratloses Schulterzucken und in meinem schoensten Russisch: “Entschuldigung, ich spreche kein Russisch.” Der Milizionaer greift rueber, oeffnet die Beifahrertuer und winkt mich ran. Ich denke kurz daran, was mir meine Mama als Kind ueber in fremde Autos einsteigen gesagt hat: Kein Zweifel, dass das hier nicht nach meinen Vorstellungen verlaufen wird. Aber da zeigt der Mann schon wieder sehr energisch auf den Beifahrersitz. Keine Chance, das irgendwie missverstehen zu koennen. Sehr widerwillig setze ich mich also ins Auto.

Ich werde schon wieder mit einem russischen Wortschwall bedacht und verstehe nichts. Als ich ihm das sage, guckt er erstmal irritiert. “Money!” faellt ihm schliesslich ein, sein einziges englisches Wort anscheinend.  Das wiederholt er dafuer umso haeufiger. In neuer russischer Wortschwall, gespickt mit vielen weiteren “moneys” und Gesten auf die Ampel, die ich eben ueberquert habe. Ich bin absolut sicher, bei Gruen gegangen zu sein, und genauso sicher bin ich, dass mein weissrussischer Freund das auch weiss. Aber was will ich machen? Ich kann es ja nicht einmal sagen. Der Polizist kramt einen Zettel hervor und kritzelt eine 50.000 BYR hin, gut 15 Euro. Ich setze wieder meinen bedauernden Blick auf und oeffne mein Portemonnaie. Darin befinden sich nicht einmal 5 Euro in Rubel, mein Handgeld. Denn ich hatte eigentlich schon viel frueher auf meinen Reisen mit einer solchen Situation gerechnet und trage den Grossteil meines Geldes immer in einer versteckten Innentasche mit mir herum, stets darauf bedacht, dass eine kleine Summe staendig in meinem Portemonnaie verbleibt. Ich bin entschlossen, ihm zumindest nicht alles zu geben, was ich habe. Als ich ihm den Inhalt der Boerse zeige, schuettelt er den Kopf und zeigt wieder auf seinen Zettel. Ich zucke wieder mit den Schultern, nehme die paar Scheine und drehe mein Portemonnaie um – leer. So geht das ein paar Mal hin und her, bis es ihm zu bunt wird. Er nimmt sich das Geld aus meiner Hand und wirft mich unter Fluechen aus dem Wagen. Hoechst unwahrscheinlich, dass dieses Geld jemals eine oeffentliche  Kasse erreicht. Als er wegfaehrt, grinse ich trotzdem ein bisschen vor mich hin. Irgendwie fuehle ich mich, als haette ich ein Schnaeppchen gemacht.



Als ich weiterwandere, erreiche ich das Siegesdenkmal auf der anderen Seite des Flusses. Wie immer geht es um den Sieg ueber die Deutschen '45.



In Moskau gibt es selbst eine Auflistung sowjetischer “Heldenstaedte”, die sich besonders verdient gemacht haben im heroischen Kampfe fuer das kommunistische Vaterland. Minsk ist eine davon, wegen der schweren "Kesselschlacht" 1941. Die Russen haben zwar verloren, waren für Moskau aber trotzdem Helden:



Und kurz hinter dem Denkmal beginnt dann auch schon der kommunistische Teil von Minsk. Die Haeuser werden größer und grauer, die Autos älter und die Spielplaetze verfallen langsam. Und doch bin ich noch in einem der besseren Viertel, den Siedlungen der einfachen Leute bin ich noch nicht einmal nahe gekommen bisher. Ehemalige kommunistische Pracht umgibt mich.

Man sagt, eine Reise nach Minsk sei eine Zeitreise "zurück in die UDSSR". Und die Welt wirkt tatsaechlich wie konserviert, wie aus einer anderen Ära. Es macht Spaß, hier nur bewaffnet mit einer Kamera so durch die eine Welt zu stolpern, die ich nur aus dem Fernsehen kenne. Ich grinse die wenigen Leute an, denen ich begegne und die mich wiederum wie ein Gespenst angaffen. Aber das kenne ich ja mittlerweile schon zur Genüge. Als ich weiter so durch die Vergangenheit wandere, geht mir der Song von den Beatles einfach nicht mehr aus dem Kopf und ich pfeife leise vor mich hin.. Yeah!

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Der Sound der Beatles passt einfach als wäre er für meinen Spaziergang gemacht, die Sonne scheint, hinter jeder Ecke wartet etwas Neues auf mich und ich habe unheimlich Spaß als ich so mit dem Lied im Kopf durch die Bereiche nördlich des Zentrum wandere. Ich stoße auf eine alte Markthalle mit neuem Reichtum.

Lange Häuserblöcke, alte, unheimlich stylishe Autos, Spielplätze aus Stahlrohren. "Back in the USSR" eben... :-)

Mit fast neuer Plakette.

Ehemals unheimlich moderne Wohnanlagen für die ein bisschen Gleicheren der Gleichen im Soziaismus.

Und überall die alten Autos. Der Wolga, Stolz der sowjetischen Automobilindustrie.

Ein Basketballplatz, auf dem das Gras durch die Risse im Boden sprießt.

Vieles ist heruntergekommen, aber wer behauptet, es haette sich nichts veraendert in Minsk, der luegt. Es gibt Bananen.

Trotzdem wirkt die Stadt ausserhalb der Altstadt traurig, der heruntergekommene Zustand der Siedlungen gibt allem einen leicht depressiven Charakter, selbst den Menschen, die mich ohne zu laecheln misstrauisch beaeugen. Es gibt eben wenig Touristen in Minsk, und noch viel weniger hier in diesem Stadtteil. Aber dann laufe ich durch einen Gruenstreifen, meine Schritte rascheln im Herbstlaub und ueberall liegen die frischen, braunen Kastanien. Als ich eine  aus ihrer stacheligen Huelle nehme und meine Hand darum schliesse, habe ich ganz ploetzlich ein Gefuehl von zu Hause. Wie verrueckt, nur wegen der glatten, kuehlen Schale einer Kastanie! Aber es sind eben die kleinen Dinge, oft die, von denen man das Ganze Jahr nicht einmal gemerkt hat, dass sie nicht da sind, die kleinen Dinge, die mir zeigen, dass es nicht mehr weit ist bis nach Hause. Ich freue mich schon.



Auf der Suche nach Postkarten fuer meinen Bruder gehe ich irgendwann wieder zurueck in die Altstadt, im Park am Theater mache ich eine Pause und esse einen Laib Brot mit einer Leberwurst direkt aus der Huelle.



Die Aermsten werden hier wohl kaum wohnen, mit Blick auf den Park....



Die Leute auf dem Weg zum Kirchgang schauen mich an wie eine Schnittmenge aus Obdachloser und Marsmensch, der ich in ihren Augen offensichtlich bin auf meiner Parkbank. Mir ziemlich egal. Beim Einkauf in Moskau war ich diesmal vorsichtiger nach den Erfahrungen in Ulan Bataar, aus der Unmenge Leberwuersten mit einem grinsenden Schweinekopf habe ich schliesslich sorgfaeltig die gewaehlt, wo das Schwein am gluecklichsten guckte. Ich konnte ja eh nichts lesen. Eine gute Wahl trotzdem, stellt sich heraus. Mein Picknick schmeckt klasse nach den stundenlangen Spaziergaengen und ich geniesse die Pause richtig im Sonnenschein mit Blick auf das imposante Gebaeude des weissrusschischen Staatstheaters.

Ist zwar ziemlich neu, aber ganz im Sinne der großen Vergangeheit. Griechische Ideale fanden sie scheinbar alle gut, die Sozialisten dieser Zeit, ganz gleich ob National- oder nicht:

Man ist zwar sehr stolz auf den Prachtbau, der Laden wird aber so gut wie gar nicht genutzt. Man hat sich leider verrechnet bei den Plänen und jetzt hat das Ding die Akkustik eines Schuhkartons. Ungünstig sag ich mal, wenn man von strahlenden Opern und volltönenenden Konzerten träumt. :-)



Schraeg gegenueber liegt eines der Altstadtviertel von Minsk. Ein Viertel von vielleicht 100 mal 500 Metern Flaeche, auf der sich noch die alten Minsker Stadthaeuser erhalten haben. Mittlerweile wohnen hier offensichtlich die Reichen der Stadt.



Aber nicht nur die Besserbetuchten haben hier ihr Domizil, auch die Miliz ist hier zu Hause. Ich halte lieber einen gesunden Abstand. Eine kleine Polizeiwache mit dem typischen Dienst-Lada der Milizionaere davor, wie ich ihn heute morgen schon von innen habe kennen lernen duerfen:



Die BMW 7er und S-KLassen dieser Welt sind zu gross fuer die schmalen Gaesschen und muessen leider draussen parken.



Als ich auf meiner Suche weiter durch die Stadt schlendere, komme ich immer wieder an Werbestaenden vorbei – es ist Wahlkampf in Weissrussland. Eine Diktatur versucht, einen Anschein von demokratischer Legitimasierung zu erwecken. Lukaschenko, der amtierende Despot, ist allerdings deutlich haeufiger und zentraler vertreten, seine Anhaenger schreien laut in die Strassen hinaus im Vergleich zu den Konkurrenten, die auf mich irgendwie sympathischer wirken als der Praesident mit starrem Blick,  Halbglatze und buschigem Schnaeuzer. Die Anhaenger der Opposition sind auffaellig still an ihren kleinen Staenden. Ich traue mich nicht, Bilder zu machen von den Wahlkampfstaenden und den Parteisoldaten. Zu nah stehen die Milizionaere und zu frisch sind die Erinnerungen von heute morgen. Wer weiss, was hier alles verboten ist. “Wahlen in Weissrussland sind traditionell unfrei und gefaelscht”, sagt die ARD dazu. Vielleicht wird es ja diesmal tatsaechlich ein ganz kleines bisschen besser. Denn Lukaschenko will Geld von der EU, und die will nichts geben, wenn er sich nicht wenigstens Muehe gibt, seine Spielchen zu verschleiern...

Die Kathedrale des Heiligen Peter und Paul. Die Aelteste der Stadt und angeblich auch von innen einen Besuch wert. Der Plan steht also.



Leider hatte ich aber vergessen, dass Sonntag ist. Bei dem riesigen Auflauf von Orthodoxen oder wahlweise auch Baptisten, angefuehrt vom Prediger mit dem schweren Kreuz, die im Vorhof versammelt sind, nehme ich lieber Abstand von meinem Plan, um nicht zwangsumgetauft zu werden.

Weissrussische Gegensaetze die Erste...



...und die Zweite:

Anderthalb Stunden irre ich dann durch die Stadt bis ich Karten finde – wie schon der Ausdruck von Wikitravel meinte: Tourism is not a priority in Minsk. Wie wahr. Irgendwann finde ich ich in einem Nebenbuero einer Postfiliale eine staatliche Postkartensammlung und kaufe das letzte Exemplar, ausserdem noch eine Einzelkarte, herzergreifend haesslich alle beide. Die lustlose Verkaeuferin war tatsaechlich ueberrascht, ich habe vermutlich alle Postkarten in Weissrussland aufgekauft. Sieben Stueck.

Mein Mittagessen kaufe ich in einer kleinen Spelunke, in der das Menue ueber der Theke auf einer Tafel angeschrieben steht. Ich zeige einfach auf irgendwas, weil ich nichts lesen kann. Es wird eine dicke Suppe. Gar nicht mal schlecht, nur recht rustikal mit Schwarte und Knochen. Meine Mitesser kommen wahrscheinlich seit Jahren jeden Sonntag her und wenn ich auch nicht ein Wort verstehe, werde ich das Gefuehl nicht los, dass ich Gespraechsthema bin...

Ein Spaziergang durch die Innenstadt nochmal, zwischen Familien und jungen Paaren in der Sonne.

Das alte Rathaus, nach der Zerstörung durch die Deutschen, wie die meisten Teile der Oberstadt übrigens wiederaufgebaut.

Und der Ort, wo heute die Entscheidungen getroffen werden. Der Palast der Republik, Lukaschenkos Schloss. Ich habe ziemlich Probleme, mich und das Gebäude mit dem Selbstauslöser gleichzeitig auf das Bild zu bekommen, während die Kamera immer wieder von meinem Jackenstativ rutscht und wunderschöne Wolkenbilder schießt.


Und weil ich dann noch immer unheimlich viel Zeit habe, entschliesse ich mich, mich noch einmal aufzumachen in die Wohnblocksiedlungen der Stadt. Das Freilichtmuseum, als das Minsk beruechtigt ist. Weil ich mich nicht auskenne und niemanden fragen kann, nehme ich einfach die U-Bahn und fahre, bis es nicht mehr weitergeht. Wenn es an der Endstation nicht heruntergekommen ist, wo dann? Die Vorstaedte liegen ja leider ausserhalb meiner Reichweite...

Ich werde nicht enttaeuscht. Als ich die U-Bahnstation verlassen und eine Strasse ueberquert habe, stehe ich mitten in der Sowjetunion. Es hat sich kaum etwas veraendert, soweit ich das von meinem jungen Standpunkt aus beurteilen kann. Riesige Wohnbloecke ueberall. Ich ziehe meine Jacke hoch, um nicht so aufzufallen, stecke meine Kamera und das Pfefferspray in die Tasche und mache mich auf den Weg hinein in das Labyrint. Der Song von den Beatles kommt mir wieder in den Kopf, als ich losmarschiere in Richtung Vergangenheit...

Aber das hier ist noch einmal eine ganz andere Groessenordnung als die Viertel rund ums Zentrum, die ich schon von heute vormittag kenne. Hier wohnen die Arbeiter. Ich laufe kilometerweit in die Siedlung hinein und komme nicht einmal an eine groessere Strasse. Nur schmale gewundene Wege zwischen den Haeusern, teils nicht einmal geteert, versorgen die Zigtausenden Menschen, die hier leben. Dazwischen immer wieder Parkplaetze, auf denen der Stolz der sowjetischen Automobilindustrie aufgereiht steht. Teure Wolgas neben billigen Moskvitch und anderen, die ich nicht einmal kenne.



Je weiter ich komme, desto heruntergekommener wird die Gegend. Nichts mehr mit Paul's unbeschwertem "you don't know how lucky you are, boy". Die Muellabfuhr scheint nicht zu funktionieren, Spielplaetze sind verfallen und die Sportplaetze fuer die Jugendlichen aufgeplatzt und von Grasbuscheln uebersaeht. Was fuer eine Gegend!

Eine Schaukel, kaputt wie so vieles Anderes. Fehlt nur noch das leise Quietschen, wenn sie im Wind hin und her schwingt. ;-)

Hier hat man einen neuen Basketballplatz einfach neben den alten gebaut. Der Alte nebenan verfällt einfach vor sich hin.



Ueberall lungern Gruppen von jungen Leuten herum. Freundlich zulaecheln wie in Asien kommt mir hier fehl am Platze vor, hier laechelt niemand. Selbst die Frisuren sind stehen geblieben in der Zeit, der Vokuhila des Ostens ins Reinform. Ich gucke also ausdruckslos vor mich hin, ziehe meine Jacke noch ein Stueck weiter hoch und gehe weiter als haette ich ein Ziel. Niemand scheint auf die Idee zu kommen, dass ich rein aus Interesse an der Gegend hier sein koennte, wahrscheinlich gibt es hier einfach nie Touristen.


Ich kann trotzdem jedem nur empfehlen, sich das einmal anzuschauen. Die Stimmung in diesen “Ghettos” ist einfach unbeschreiblich. Nur dass es eben einfach keine Ghettos sind, die ganze Stadt sieht so aus. Und das ist genau der Punkt. Auch bei uns oder noch viel mehr in Polen und sicherlich in den Oststaaten, in denen ich noch nicht war, gibt es heruntergekommene Gegenden, mit grauen Haeuserbloecken. Aber hier gibt es einfach nicht die Strasse, wo dann auch wieder ein anderes Viertel beginnt. Hier ist alles so, hier wurde seit Jahrzehnten nichts modernisiert. Das hier erscheint endlos. Der Himmel hat sich mittlerweile zugezogen und im grauen Licht wandere ich mehrere Kilometer weit in das Geflecht aus Betonwegen und Wohnblocksiedlungen hinein. Ueber zwei Stunden bin ich hier unterwegs und mein Ausblick veraendert sich nicht. So weit ich blicken kann, wird der Horizont von grauen, heruntergekommenen Wohnsilos verstellt, schmale Durchgaenge zwischen den Haeusern fuehren weiter zum naechsten Hinterhof. In alle Himmelsrichtungen. Die Buesche und das Gras sind seit Ewigkeiten nicht mehr geschnitten worden, um die Hauseingaenge tuermt sich der Muell und die beschmierten Betonbunker, die ueberall stehen, machen das Ganze noch unheimlicher. Fenster sind teils nur mit Pappe verklebt, in einem Land mit eisigen, langen Wintern. Auf einem der Parkplaetze steht ein Auto auf Ziegelsteinen. So eine graue, beklemmende und trostlose Atmosphaere habe ich noch nicht erlebt. Und noch einen ganz, ganz großen Unterschied zu den verfallenen "Ost-Vierteln westlicher Staaten" gibt es - während bei uns niemand mehr in solchen Gegenden wohnt, leben hier ganz normale Familien. Man kann den Menschen keinen Vorwurf machen, dass sie keine grossen Hoffnungen fuer die Zukunft nach ihren Wahlen hegen. Ich ziehe meine Jacke noch fester zu, fühle in der Tasche nach dem Pfefferspray, verberge die Kamera ein wenig und gehe weiter. Diese Gegend hier macht wirklich Eindruck auf mich.



Um nicht unnoetig aufzufallen, habe ich meine Fotos leider nur so unauffaellig wie moeglich machen koennen, hatte keine Gelegenheit, die depressive Stimmung im Ganzen einzufangen. Ihr muesst euch also eine ganze Welt vorstellen, die angefuellt ist mit Details wie denen auf den Fotos, egal wohin ihr blick, egal wohin ihr geht.

Je weiter ich vordringe in diese Gegend, je weiter ich mich von der U-Bahn entferne, desto heruntergekommener wird meine Umgebung. Als ich irgendwann wiederholt von Betrunkenen von einem Balkon herunter angebruellt werde, drehe ich um. Ich habe genug gesehen und muss nichts riskieren. Als ich die Strasse zur U-Bahnstation wieder erreiche, erwische ich mich dabei, wie ich befreit aufatme.

Kurz vor Sonnenuntergang stehe ich wieder am Bahnhof. Erschoepft vom langen, anstrengenden Tag aber froh, diesen Stopp eingelegt zu haben. Was ich gesehen habe, vergesse ich so schnell sicher nicht. Ich verwende meine restliche Stunde darauf, mich in einem Laden mit verschiedenen Alkoholika auf Russisch über weißrussische Spezialitäten beraten zu lassen, bis es Zeit wird, mein Backpack wieder abzuholen. Zwischen einem Mann im abgetragenen Anzug und zwei jungen Frauen mit riesigen Koffern warte ich gespannt auf meinen letzten Nachtzug fuer diese Reise. Diesmal fahre ich zweite Klasse!




Rail distance East China Sea-Minsk: 11369 km
Corresponding travel time in trains: 178 h - or - 7 d, 10 h and 3 mins



04 10 2010

On my own again...

 

Ich habe Alex eben an der Metrostation Kiewskaya noch die Hand gedrueckt und dann war er weg. Ich bin wieder allein unterwegs, auf dem Weg nach Minsk in Weissrussland.

Komisches Gefühl mal wieder, nach einem Monat immerzu mit Alex. Natürlich macht das alles auch wieder komplizierter, ich muss mich irgendwie mit meinen paar Wörtern Russisch durchschlagen, in einem Land, von dem es heißt, dass man dort noch weniger Englisch spricht als hier. Was allerdings interessant werden dürfte, “mit hinreichender Genauigkeit” spricht nämlich auch in Russland niemand englisch. Aber ich lerne ja dazu. Mit meinem neuen Wort “k” (ja, das heißt wirklich nur so), also “nach” zumindest vor gewissen Wörtern glaube ich, und dem Wort für Bahnhof habe ich eine einwandfreie Frage nach dem Weg formuliert. Ich hab sogar ein “u” dran gehängt, das muss man nämlich irgendwie, hab ich eben auf einem Schild gelesen. Glaube ich zumindest. Hat jedenfalls geklappt. Ich klinge zwar wie ein Vollidiot, wenn ich Russisch rede, aber ich habe den Bahnhof immerhin gefunden. Erste Hürde geschafft. Ich sitze im Zug.

Der Zug ist auch sogar schon wieder besser als der letzte. Die Leute sehen zwar wieder deutlich einfacher aus im Vergleich zu den Moskauern aus der Weltstadt, über mir schnarcht ein etwas korpulenter Russe ziemlich laut  und die Hälfte der Passagiere säuft wieder auf Teufel komm raus. Aber immerhin nur die Hälfte. Gerade stolziert eine Frau vorbei, die auch beim besten Willen nicht als Nutte zu verkennen ist, aber es ist immerhin sauberer. Und zwei lesen sogar ein Buch. Mir gegenüber sitzt eine nette alte Dame und erzählt mir was. Ich verstehe zwar nur Bahnhof, und ich glaube sie weiß das auch. Ich hab's ihr zumindest gesagt, der einzige Satz, den ich grammatikalisch einwandfrei hinkriege. Aber sie stört das nicht, hin und wieder nicke und lächele ich, und das reicht ihr. Manchmal sage ich nett was auf Chinesisch, weil ich hier egal welche Sprache reden kann, klingt für die Leute hier eh alles gleich. Dafür kriege ich dann auch ein Stück Schokolade. Ich fühle mich ein klein bisschen wie ein betagter Dackel, dessen einzige Aufgabe dasitzen und zuhören ist... :-)

Die alte Dame ist schlafen gegangen und ich sass hier wieder allein. Präteritum leider. Irgendein völlig betrunkener Russe aus einem anderen Waggon ist mal wieder den Gang entlang getorkelt und hat sich leider mit letzter Kraft auf den Platz mir gegenüber fallen lassen. Reden kann er allerdings mittlerweile genauso wenig wie ich. Leider weiß er auch nicht wo er ist oder hin muss, soviel wird klar. Mittlerweile pennt er jedenfalls selig auf den Unterarmen mit dem Kopf auf der Tischplatte. Dass mir so was aber auch schon wieder passieren muss, und diesmal noch ohne Alex! Solange es so bleibt, nehme ich von ihm immerhin nicht viel mehr als seine bemerkenswerte Fahne zur Kenntnis, aber leider besteht mein Bett für nachher aus drei Teilen. Meinem Platz, dem eingeklappten Tisch und, naja, dem Platz mir gegenüber. Mal sehen, wie ich das löse. Hier erlebst du Sachen!

Ich Idiot hab jedenfalls meine Wasserflaschen leer getrunken und überlege jetzt, wie ich es am schlauesten anstelle, auf die Toilette zu gehen, ohne meinen Laptop einzubüßen. Denn unterm Arm sieht ja auch Scheiße aus. Die Einladungen zum Wodka habe ich mit dem Wort für “arbeiten” (kenn ich von der McDonalds Werbung) und einem Wink auf meinen Laptop jedenfalls schon mal elegant abgewiegelt, ich muss ein bisschen auf meine Sachen aufpassen. Man kann hierzulande den Schaffner bestechen, um sein Bedienstetenabteil fuer die Fahrt zu bekommen, das hätte ich mal tun sollen! Tippen fällt schwer, die Schienen sind unheimlich schlecht, es rumpelt verdammt laut unter mir und alles schwankt, als ständen wir kurz vor der Entgleisung. Aber der Schaffner sieht immerhin sehr entspannt aus. Ich lese meinen Ausdruck von Wikitravel, einer offenen Plattform im Internet, auf dem jeder Reiseziele aus eigener Anschauung beschreiben kann. Der Artikel sagt, man müsse Russisch können, Tourism sei “not a priority” in Minsk und er schließt mit den Worten der Administratoren: “Dieser Artikel ist unvollstaendig. Eine abenteuerlustige Person könnte diesen Artikel benutzen, aber bitte bringe dich doch ein und vervollständige ihn!”

Nun ja. Der Artikel ist alles was ich habe, Russisch kann ich nicht und ich mache mir ein bisschen Gedanken um den nächsten Zug in Warschau, für den ich kein Ticket bekommen habe. Außerdem hab ich mal wieder kein Geld, die Landeswährung ist geschlossen, man kann sie nirgendwo tauschen. Und irgendwann wird auch unausweichlich der Moment kommen, an dem ich mir Gedanken machen muss, wie ich ohne Sprachkenntnisse den betrunkenen Russen gegenüber wieder los werde... Probleme, über die man sich den Kopf zerbrechen könnte, gibt es eben immer genug auf solchen Reisen. Und alleine sind ist eben alles noch einmal ein bisschen komplizierter.

Aber wie schon vor gefühlten Ewigkeiten in Singapur: Der Zug rumpelt noch immer über ziemlich miese Schienen irgendwo durch die Landschaft, draußen zieht irgendeine russische Stadt hellerleuchtet vorbei und mein MP3 -Player spielt “Train” von Paul Kalkbrenner.

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Cool. Abenteuer ist doch genau mein Ding! Und irgendwie wird's schon wieder klappen, da bin ich zuversichtlich...

Entfernung Moskau-Minsk: 704 km

Reisedauer der letzten Etappe: 10 h, 37 min



28 09 2010

Liebe[]grüße aus Moskau

 

Wir haben es geschafft. Auch ohne Mechaniker wie gesagt. Wir haben die Transsib hinter uns und sind in Moskau.

Leider ist Alex auf Katarinas Frage am Telefon, wie sie uns denn erkennt, spontan nichts Besseres eingefallen, als “wir tragen schwarze Sonnenbrillen“. Und so stehen wir jetzt am Moskauer Hauptbahnhof, leicht verloren und tragen schwarze Sonnenbrillen bei leichtem Nieselregen. Außerdem sind wir die einzigen Westler, die einzigen zwei jungen Männer, die zusammen reisen und die einzigen mit einem riesigen Backpack. Alles guckt uns an und ich werde das Gefühl nicht los, dass wir auf die Brillen hätten verzichten können. Aber dann kommt auch schon Katarina strahlend auf uns zu. Unauffällig lassen wir die Brillen wieder in die Tasche gleiten. Bei ihr und Elena wohnen wir für die Tage. Die beiden sprechen perfekt französisch, ein Traum für mich natürlich, denn als wirklich fließend würde ich mein Russisch noch nicht bezeichnen. Allerdings machen sie sich über mich lustig. Ich hätte einen französisch-chinesischen Akzent. Weiß ich nicht, ob ich das gut finden soll.

Aber weil wir ja mehr Glück als Verstand haben, sind die beiden auch noch offizielle Stadtführerinnen für Moskau und wohnen genau im Zentrum. Na also! Das hier ist übrigens unser Hund. Wassja. Wirklich ein netter Kerl, ist nur ein wenig verfressen. Und hält sich  offensichtlich für ein Erdmännchen.

Als wir abends noch einmal losziehen, um ein bisschen die Gegend zu erkunden, kommt der Kulturschock, auf den ich gewartet habe. Wir sind wieder in der modernen, zivilisierten Welt des Geldes. Es glänzt, es leuchtet, man trinkt wieder Latte Macchiato statt Tee und aus den Lautsprechern klimpert die überall gleiche Fahrstuhlmusik. Welcome back.

Nur hier und da sieht man noch, wo wir sind. MakDonalts. Und an der Cocktailbar bestellt man einen Dschinn-Tonik...

Die Stadt draußen glänzt noch nass vom Regen und als wir ein Stück an der Moskwa entlanglaufen, muss ich an die Scorpions denken und pfeife ein bisschen vor mich hin. Zu Alex‘ mäßiger Begeisterung.

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Am nächsten Tag ist die Moskva Metro angesagt. Da kann sich Aachen mal ne Scheibe abschneiden, wir haben ja nicht mal ne Straßenbahn. Die Kommunisten haben das hier bauen lassen, um dem Volk “was zurückzugeben”. Und man muss ihnen eins lassen - das ist ihnen gelungen, jede Station ist anders dekoriert und teilweise fühlt man sich wirklich wie in einem Festsaal eines französischen Palais...

"Mir", der Frieden...

Aber: Station Partisanskaya. Irgendwie sind die Russen eben schon so'n bisschen kriegsgeil, wie Alex feststellt.

Belaruskaya, “die Weißrussische”, ganz in weiß...

Und immer mal wieder kommunistische Quotenarbeiter oder ein Mustersportler in kurzen Hosen.

Jupp ist im modernen Moskau übrigens in Ungnade gefallen, während sein Vorgänger Lenin noch überall zu finden ist und verehrt wird.

Und immer wieder ewig lange Rolltreppen, auf denen sich Menschen in Eile vorbeidrängen. Teilweise liegt der Spaß zweihundert Meter tief unter der Erde, die Metro dient auch als Luftschutzbunker für das Volk. Um den Beteuerungen, die Anlage sei auch strahlensicher gegen Atombomben Glauben schenken zu können, muss man angesichts offener Eingänge und fehlender Türen allerdings schon etwas, ich sag mal “ideologisch vorgebildet“ sein...

Der Nachmittag ist dann für die Tretyakovskaya Galerien reserviert, mag dem ein oder anderen vielleicht etwas sagen. Für die russische Kunst in etwa das, was der Louvre für die westeuropäische Malerei ist. Toll auch gerade auch mit Katarina, die uns eine Menge dazu erzählen kann.

Nächster Tag: Stadtbesichtigung. Zuerst geht es auf einen Hügel hoch über Moskau, von dem man einen Wahnsinnsblick über die Stadt hat. Hier oben liegt übrigens auch die Uni, eine der Angesehensten in ganz Russland. Nett.

Mit so einem Blick würde ich auch schon ganz gern studieren...

Wenn ich an Moskau und die Vergangenheit denke, dann denke ich an Winter über dem Roten Platz, Bärenmützen, Wurst und Wodka und kleine kantige Autos ohne Kat, die Ränder der Windschutzscheibe voller Eisblumen und aus dem Auspuff eine riesige Wolke in der bitterkalten Luft. Wir haben unser Bestes gegeben. Ohne Hilfe der Chinesen ist am Wetter wenig zu machen, aber in einem kleinen, alten, dunkelroten Moskvitch quer durch das verstopfte Moskau - das hat Stil. :-)

Die Stadt ist schön, überall stehen noch die prächtigen Straßenzüge aus dem vorletzten Jahrhundert. Man fühlt sich ein bisschen wie in Wien oder Paris, nur russischer irgendwie. Aber wenn man dann über die Moskwa und in die Moscow City, den Finanzdistrikt der teuersten Stadt der Erde kommt, dann fühlt man sich schon wieder wie in einer anderen Welt…

Überall wird gebaut und auf den Hauptstraßen stehen die Abschleppwagen buchstäblich Schlange, um die Straßen freizuhalten für den Verkehr vor den neuen Messegeländen und Bürozentren. Hier passt unser Moskvitch nicht mehr hin, hier regieren S-Klassen und Porsche Cayenne die Straßen.

Nicht aber, dass das rund um den Kreml sonderlich anders wäre… Der rote Platz. Hinter mir die Kathedrale, deren Namen ich vergessen habe. Kennt man aber. Rechts aus dem Bild liegt der Kreml und davor Lenins Mausoleum. Finden die irgendwie gut sowas, die Kommunisten - und die Russen haben’s erfunden. Mao wird übrigens auch jedes Jahr für ein paar Monate nach Russland geschickt um aufgehübscht zu werden.

Das Tor zwischen dem Roten Platz und der Westseite des Kremls. Ich renne als Erstes mal versehentlich in ein strahlendes Hochzeitsfoto. ^^ Hier steht auch das Parlamentsgebäude. Ich bin allerdings ziemlich enttäuscht, als ich feststelle, dass ich das Foto von der Wodkaflasche nicht nachstellen kann. Da steht irgendwas Großes davor, was auf der Wodkaflasche fehlt - das Parlament steht in Russland nur in der zweiten Reihe...

Die Nordecke des Kremls. Der ist übrigens dreieckig. Bis ich das allerdings rausgefunden habe, suche ich ein paar Tage lang verwirrt nach der vierten Ecke.

Das Grab des unbekannten Soldaten und die Monumente für die "Heldenstädte" im Kampf gegen den Faschismus.

Ein paar Stunden später. Moscow at night. Wir sind unterwegs in ein anderes Viertel, “Propaganda” soll der Club heißen, nicht weit vom Roten Platz. KANN ja nur gut werden nach unserem Haus- und Hofclub in Beijing mit dem gleichen Namen.

Pustekuchen gut. Wir finden den Laden zwar, aber wir kommen nicht rein. Der Türsteher gefällt sich unheimlich in seiner Rolle, kaum jemand kommt rein. Ist uns aber eigentlich ziemlich egal, eine andere Gruppe nimmt uns mit in einen anderen Laden und der Abend wird genial. Acht Mädels aus Stuttgart sind so glücklich, deutsche Stimmen zu hören, dass der ganze Abend sehr günstig für uns wird.

Ich stehe am nächsten Morgen unter der Dusche, als Alex wie wild an die Tür hämmert. Triefend nass schnappe ich mir ein Handtuch und springe zur Tür, wer weiß was passiert sein mag!? Doch der steht nur strahlend vor mir und streckt mir vollkommen begeistert sein Handy entgegen: “Hey, Chris – wir haben gestern Fotos gemacht!!” Die allerdings fallen unter die interne Zensur.

Aber: Wer feiern kann, der kann auch arbeiten. Im übertragenen Sinne zumindest, für uns geht es früh auf in die Stadt – heute ist der Kreml angesagt. Leider ist das Wetter heute nicht mehr so traumhaft, es ist ziemlich kalt. Wir schaffen es so grade noch in den ersten Schwung Besucher der Rüstkammer. Schmuck, Waffen, Kleider, Kutschen, Gebrauchsgüter – alles, was Russlands Adel mal besessen hat, wird hier ausgestellt. Wirklich interessant, ich mag die Kutschen und die verzierten Rüstungen. So ganz spurlos ist der letzte Abend aber dann doch nicht an uns vorübergegangen, wir verbringen verdächtig viel Zeit auf den Lederpolstern zwischen den einzelnen Ausstellungssälen…

Als wir uns aufraffen können, schauen wir uns noch die Architektur im Herz des Kreml an. Viele Kirchen aus genauso vielen Epochen.

Irgendwie ist hier alles ziemlich groß.

Und am Rand des öffentlichen Bereichs ist einfach irgendwo ein unsichtbares Band gespannt. Keine Kette, kein Zaun halten uns vom Platz fern. Und trotzdem ist es unvorstellbar, dass irgendwer unter uns Touristen den Fuß auch nur auf das Pflaster setzen würde. Daran auch nur zu denken würde niemand wagen. Denn am fernen Ende des Platzes liegt der andere Kreml. Eine andere Welt, eine Welt aus Diplomaten und Soldaten, aus Empfangszimmern und schweren Limousinenfuhrparks mit Blaulichtern, aus patrouillierenden Polizisten und Agenten des FSB. Medwedews und Putins Welt. Wir sind nur Zaungäste an einem unsichtbaren Zaun.

Auf unserem Weg nach Hause schlendern wir noch ein bisschen durch die Stadt. Wir können zwar nichts kaufen bei unserem Budget, aber gucken kostet ja bekanntlich nichts.

Abends soll es noch einmal rausgehen ins Nachtleben. Eine Freundin von Katarina kommt mit, sie schlägt einen Club vor und wir nehmen an. Soll gut sein. Uns ist im Grunde alles recht. Und es war gut! Interessant war nur, wie interessant wir offensichtlich waren. Obwohl wir hier eigentlich doch allen anderen gleichen, fallen wir auf. Irgendwas an uns scheint eben doch noch anders zu sein…

Nach einer sehr kurzen Nacht geht es noch einmal durch Moskau. Erledigungen müssen gemacht werden, wir wollen noch auf einen Markt – unser letzter gemeinsamer Tag bricht an. Schade, wenn wir uns auch auf zu Hause freuen - wir hätten gut und gerne noch ein Stück gemeinsam weiterreisen können. Auf dem Weg zum Markt bekomme ich schon einen ersten Vorgeschmack darauf, was mich in Minsk erwartet. Über der Pracht der Hauptstadt sind die grauen Eindrücke aus Sibirien schon wieder verblasst. Ein Restaurant in der Vorstadt beeindruckt mich…

Irgendwann stehen wir dann wieder an der Kiewskaya, dem Kiewer Bahnhof, in dessen Nähe wir wohnen.

Wir bedanken uns bei Katerina und Elena für die tollen Tage in Moskau und verabschieden uns. Alex bringt mich noch zur U-Bahn. Ich habe mir ungefähr eingeprägt, wie ich zur Belaruskaya komme, der „Weißrussischen“.  Heute Abend um kurz nach sieben soll dort mein Zug nach Minsk abfahren – Alex nimmt die U-Bahn in die andere Richtung, er fliegt heute nach Köln-Bonn und nach Hause, während ich noch ein paar Tausend Kilometer vor mir habe…

Rail distance so far: 10665 km

Time in trains since August: 167,43 h - or - 6 days, 23 hours and 26 mins

 


27 09 2010

Crossing Ural – oder: Bye, bye, Asia!

 

Ich bin angekommen. Ein echt russischer Zug wie aus dem grossen Buch der Vorurteile. Wenn ich die Qualitaet unserer Zuege ueber der Entfernung von Tianjin mathematisch beschreiben sollte, so wuerde ich eine stetige und streng monoton fallende Gerade waehlen. In meinen eigenen Worten: Die Zuege werden immer beschissener. Mal sehen, was noch kommt. Der hier kann jedenfalls schon wenig. Der leicht versoffene Schaffner mit den fettigen, ungepflegten und leicht zu langen Haaren in seiner fleckigen blauen Uniform empfaengt uns mit dem Hemd aus der Hose samt offener Uniformjacke und weist uns zwei Betten “irgendwo dahinten” zu. Gestern haben wir noch erfreut festgestellt, wie gluecklich wir doch seien. Ein Vierer quer fuer uns allein, keine Kinder, ein sauberer Zug und Ruhe. Heute sieht es anders da schon aus. Der Zug ist alt, dreckig und schon seit Langem nicht mehr gefegt oder gar gewischt worden. Spaeter am Tag kam immerhin ein Muetterchen mit Reisigbesen. “Irgendwo dahinten” stellt sich leider als die Laengsseite des Ganges heraus, gebaut fuer kleinere Menschen als wir es sind. Wir koennen nicht ausgestreckt liegen auf den harten Pritschen und es ist auch kein Gang am Fussende da, in den wir uns wie sonst ausstrecken koennen. Ich habe die obere Pritsche, es ist verdammt schmal und der Buegel, der einen auf der Liegeflaeche halten soll, fehlt hier leider. Was fuer mich heisst, dass ich mich im Schlaf besser nicht umdrehe und in schnellen Linkskurven festhalte, um nicht aus 1,80m Hoehe auf den PVC-Boden zu fallen. Es riecht unbestimmt aber nicht gut und schraeg gegenueber versucht ein Kleinkind irgendwas rueberzubringen. Da der ungefaehr soviel Russisch kann wie ich, sind allerdings selbst die Eltern ratlos, worum es geht. Es gefaellt ihm was absolut nicht, soviel ist einwandfrei festzustellen.

Alex mir gegenueber bedauert schon, dass er nicht auch eine dieser “heissen Hotpants” hat. Denn je cooler der Typ, desto kuerzer die Adidas-Trainingshose. Die auf der anderen Seite des Ganges sind dementsprechend schon verdammt cool. Ein schwer verkaterter Russe schwankt den Gang entlang in Richtung Toilette, deren Zustand ich noch nicht kenne. Bin ich aber auch nicht allzu heiss drauf. Die Unterhosenprinzen gegenueber oeffnen ihr viertes Bier zum Fruehstueck, ein Bett weiter nuckelt einer schon seit einer guten Stunde an einer 2l-Plastikflasche mit Weisswein und ein paar “Abteile” den Waggon entlang trinken zwei alte Maenner Wodka aus der Flasche. Es ist morgens kurz nach acht. Als eine Frau um die Vierzig verschlafen den Gang entlanggeht, lehnen sich etwa ein Dutzend unrasierter Gesichter aus den Pritschen und gaffen. Die versuchen nicht einmal, unauffaellig zu wirken, als sie ihr den ganzen Waggon entlang auf den Arsch starren. Yippieh yayeeh.

Ich habe noch nicht den einen Typen gefunden, dem ich meine Sachen auch nur kurz anvertrauen wuerde, aber ich bin fuer heute abend von einem russischen Baeren schon zum Wodka trinken eingeladen worden. Auf Deutsch kann er zwar nur “verstehen” sagen und ich kann auch nicht viel mehr auf Russisch, aber wir haben und irgenwie unterhalten und irgendwann kam Alex ja auch wieder. Um genau zu sein, war die Einladung eigentlich fuer sofort gemeint, kurz vor Mittag. War aber nicht so mein Ding, zumal ich hier echt auf meine Sachen aufpassen muss.

Der Blick aus dem Fenster entschaedigt allerdings einmal mehr. Wir haben die Kontinentalgrenze zwischen Asien und Europa ueberquert, verlassen Sibirien und damit Asien und fahren ueber den Ural. Wieder ein gefuehltes Stueck naeher an der Heimat. Und das erste Mal, dass sich die Landschaft wirklich aendert seit gut 4000 Kilometern. Der Zug schlaengelt sich einen grasbewachsenen Steilhang entlang, gegenueber ist das Tal von einer Felswand begrenzt und unter uns fliesst ein kleiner Gebirgsbach. Schoen! Immer mal wieder geht es auch durch Birkenwaeldchen, die in herbstlichen Farben leuchten. Draussen grillt eine Familie ueber einem brennenden alten Autoreifen. Beschaulich, sag ich mal vorsichtig. Und das in einem Land, in dem man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht. Die Leute wissen es wahrscheinlich nicht einmal. Eine andere Welt hier noch immer eben, trotz Europa...

Faszinierend auch die Laenge der Gueterzuege. Unvorstellbar in Westeuropa. Kilometerlang kommen sie uns langsam entgegen, gezogen von drei Dieselloks auf dem Weg irgendwo in den tiefen sibirischen Osten...

Den Abend verbringen wir dann im Endeffekt mit ein paar sibirischen Gasarbeitern. Drei Schraenke auf Urlaub von den Gasfeldern im ewigen Eis. Da wird der Vodka und die Wurst auf den Tisch gestellt und dann heisst es dazu setzen. Ein Nein wuerden die eh nicht akzeptieren. Aber Geschichten erzaehlen, das koennen sie!

Ganz ehrlich – dafuer musste ich echt den Laptop nochmal rauskramen. Es ist kurz vor sechs und gerade ist mir ein lattenstrammer Russe mittleren Alters in die Arme gefallen. Sternhagelvoll, kann nicht mal mehr reden und lallt nur noch. Eine kleine Platzwunde hat er am Kopf, zweimal hat er sich schon langgelegt auf dem Weg durch den Waggon, immer wieder aufgestellt und weitergeschubst von den "Bewohnern". Bis er leider ausgerechnet auf meinen Platz gefallen ist. Wir versuchen verzweifelt, aus ihm herauszubekommen, wo er hingehoert. Zwecklos, der weiss nicht mal, wo er ueberhaupt ist. Irgendwann stellt sich raus – ist der diensthabende Mechaniker von unserem Zug. Wir uebergeben ihn dem Schaffner. Hoffen wir, dass diese Nacht hier nichts mehr kaputt geht bis Moskau... Russland live. Grandios!

Kurz nach Sonnenaufgang am naechsten Tag begegnen uns die ersten Vorortzuege von Moskau. Frauen steigen zu und verkaufen batteriebetriebenen Glaspyramiden mit neongruenen leuchtenden Kuehen eingegossen, in Cheerleaderpose und pinken Puscheln an den Hufen. Die Transibiria-Linie ist hiermit geschafft. Den groessten Teil der Reise und ueber 10000 Kilometer habe ich hinter mir...

Es war eine Wahnsinnserfahrung, ganz anders als in den eichenholzgetäfelten Abteilen mit schweren Brokatvorhängen und Bordservice, die man aus Dokumentation aus dem Fernsehen kennt, dafür haben wir kein Geld - aber erlebt haben wir sicherlich noch mehr, in unserer dritten und vierten Klasse, allein zwischen Russen. 400 Euro haben wir ausgegeben für die Tickets, vielleicht noch einmal die Hälfte für Unterkünfte, Essen, Trinken, alles was dazu gehört. Vor kurzem habe ich dann in einer Zeitung eine Komplettreise auf der Transsibiria Linie gesehen. Sonderangebot, für sechseinhalbtausend Euro...

Wessen Konto das grad nicht hergibt, der kann sich übrigens auch schon einmal ein paar Eindrücke vom Transsibirischen Express online anschauen. Google hat die ganze Strecke abgefilmt und besonders schöne Passagen markiert. Da könnt ihr tagelang quasi virtuell zu wahlweise russischer Musik oder authentischem Gleisrattern aus dem Fenster gucken, 9226 Kilometer und 150 Stunden lang - und es wird noch nicht einmal Nacht.

http://www.google.ru/intl/ru/landing/transsib/en.html

Wenn ihrs euch dabei noch ein bisschen ungemütlich macht, kriegt ihr gleich das richtige Feeling. :-)

Ekaterinburg to Moscow: 1778 km

Travel time between the two cities: 27 h, 23 mins



26 09 2010

Eine Stadt an der Grenze zwischen Europa und Asien

 

Wir stehen vor dem Bahnhof in Ekaterinburg, gleich westlich von uns verlaeuft die Kontinentalgrenze.
Von Smog keine Spur mehr. Noch sind wir in Asien, fuer ein Gastspiel in der zweitgroessten Stadt Russlands, eher beruechtigt fuer ihre blutige Geschichte.



Anfang des Jahrhunderts wurde Zar Nicholas der Zweite samt seiner Familie und Grossfamilie hier naemlich von den Bolschewiken abgeschlachtet, bis vor wenigen Jahren war der Ort dann beruechtigt fuer seine blutigen Mafiamorde. Die Mafiakriege sind mittlerweile unter Kontrolle, aber noch immer ist Ekaterinburg ein heisses Pflaster. Man muss sich ein wenig in Acht nehmen hier vor Jugendbanden und Kriminellen, in Diskotheken muss man besonders aufpassen, wenn man den Soldaten von hier glauben darf, die wir im Zug getroffen haben. Koennte aber auch daran liegen, dass das Temperament hier einfach nicht fuer ein laechelndes "Komm, lass gut sein, ich will  wirklich keinen Stress!" geeignet ist...



Auf der Karte uebrigens hab ich ein bisschen Mist gebaut. Ekaterinburg liegt ein gutes Stueck weiter im Westen, in etwa auf zwei Drittel der Strecke zwischen Irkutsk und Moskau. Bin aber zu faul, dass zu beheben, ausserdem ist es ja eh nur ne Skizze.



Mein Wortschatz ist mittlerweile immerhin zweistellig, ich kann jetzt auch Sachen sagen, wie: "Schau mal, das ist ein Eichhoernchen!" Hilft mir allerdings nicht viel, wenn ich versuche, im Tante-Emma Laden an irgendwas zu kommen, wo ich nicht drauf zeigen kann. Ich bin trotzdem ziemlich stolz.

Ekaterinburg war mal wieder ein Abenteuer, weil man hier selbst Hostels online nur ab gut 50 Euro pro Nacht aufwaerts buchen kann. Und das war unserem knappen Budget deutlich zu viel. Wir haben uns also auf unser Glueck verlassen und sind am spaeten Abend aufs Geradewohl losspaziert, in der unbestimmten Hoffnung, irgendjemand wuerde uns schon zu einem guenstigeren Hotel verhelfen fuer die eine Nacht, die wir in der Stadt verbringen wuerden... Gleich vorweg: Der Plan war beschissen.

Zunaechst allerdings stand erstmal eine Stadtrundfahrt an. Rucksaecke einschliessen und ab ins Getuemmel. Der erste Verbrecher, mit dem wir verhandelt haben, wollte stolze 1000 Geld dafuer, aber wenn ich eins gelernt habe in den letzten Monaten, dann niemals das Erste Angebot zu nehmen und schon gar keinen Taxifahrer, der auf einen wartet. Zum Glueck klingelte irgendwo in meinem Kopf auch noch irgendetwas, dass man vor fuenf Jahren noch ein Taxi fuer 150 die Stunde mieten konnte. Lass es mittlerweile doppelt so teuer sein – aber DAS hier war klare Abzocke! Das dubiose Hotel fuer 500 die Nacht nur 4 Kilometer entfernt mal dahingestellt. Nichts wie weg hier! Sergey, ein sehr netter und vertrauenserweckender Fahrer mit einem sauberen Auto, den wir als Naechstes angesprochen haben, wollte 250 Geld dafuer. Na also! Wahrscheinlich noch immer zu viel, aber mit 3 Euro pro Nase finanzierbar und er hat seinen Job sehr gut gemacht.



Das Stadtzentrum ist echt huebsch gemacht, auch wenn ein ganzer Teil vor Jahrzehnten uebrigens von deutschen Zwangsarbeitern gebaut wurde. Haben sie aber trotzdem fein hingekriegt. Seit dem G8 Gipfel vor zwei Jahren entwickelt sich die Stadt jetzt weiter, wirtschaftlich und auch optisch. Bringt den Leuten viele Vorteile, Sergey hat aber auch Stories erzaehlt, bei denen es einem kalt den Ruecken herablaeuft. Regelmaessig werden zum Beispiel nachts ganze Hochhaeuser samt Bewohnern von der Baumafia angezuendet, um unliebsame Eigentuemer loszuwerden, die der Stadtentwicklung im Wege stehen...



Das mit dem Hotel lief allerdings wie erwaehnt weniger gut. Rund um den Bahnhof ist der Spass unbezahlbar, wir haben also Taxifahrer gefragt, ob sie was Billiges kennen. Weil man aber niemandem einfach so trauen sollte, war die Idee, so lange Fahrer zu fragen, bis wir einen Vorschlag zum zweiten Mal hoeren. Und da fing das Problem schon an. Niemand hatte jemals von irgendwas gehoert, das ein Anderer kannte. Irgendwann haben wir aufgegeben und Sergey angerufen, den Taxifahrer von vorhin. Das "Hotel", in dem wir gelandet sind, war beeidruckend. Im fuenften Stock eines Mietshauses, halb verfallen, ein einziges Klo ohne Klobrille auf dem Gang und ein Waschbecken wie eine Viehtraenke mit einem Schlauch anstelle eines Hahns. Weil es keine Tuer zum Klo gab, roch der ganze Gang entsprechend... 

Der Spass sollte uns gut 20 Euro kosten. Ich war trotzdem nicht allzu enttaeuscht, zu hoeren, dass es keine Zimmer mehr gab. Nichts wie weg hier mal wieder! Das naechste Billige ebenfalls voll, wurden wir dann in der Stadt bei einem rausgeworfen, das sich als Restaurant ohne Schlafmoeglichkeit rausstellte. Hoechst unterdurchschnittlich faellt mir dazu nur ein. Wir also die Rucksaecke wieder auf die Schultern und uns wahllos bei Passanten durchgefragt. Und siehe da. Irgendwann haben wir wen getroffen, der uns einen Weg durch die dunkle Gasse, um die Ecke, nochmal um die Ecke und dann geradeaus und links zu einem Hotel erklaerte. Versteh ich. Hat natuerlich nicht geklappt, aber der Mann im Videoladen, auf den wir stattdessen trafen, hatte auch davon gehoert. Nur noch zweimal um die Ecke und dann sind wir auch schon da. Paesse abgeben fuer die verpflichtende Registrierung bei der Stasi und dann duerfen wir endlich in unser Zimmer. In den Aufzug passen wir zu zweit mit Rucksack nur, wenn der Zweite rueckwaerts einsteigt, aber was soll's. Drei Gaenge hinab und dann noch ein letztes Mal um die Ecke, einen letzten, langen und mit blauem PVC ausgelegten Gang hinunter und eine der vielen Holztueren mit der broeckelnden Farbe ist unsere. Das blasse Licht aus den Leuchtstoffroehren an der Decke verleiht dem Ganzen das gewisse Etwas.

Unser Zimmer sprueht nur so vor Charme der Sowjetunion der fruehen Achtziger Jahre. Es hat zwar kein Klo und statt nem Telefon ne beige-braune Gegensprechanlage, die schief an der Wand haengt - aber nen winzigen, begehbaren Wandschrank und die Tapeten zieren die wildesten Muster, Ton in Ton in Braun gehalten.

Das Waschbecken allerdings kommt dann ganz im Look der goldenen Sechziger daher. Ist bei der Renovierung in den 80ern wohl noch fuer schoen genug befunden worden. Gemauert in hellblau und mehrfach schon geflickt. Wobei man allerdings differenzieren muss zwischen den beiden Drehknoepfen des Wasserhahns. Der Linke, der fuer “heisses Wasser”, praesentiert sich noch in der originalen Keramikausfuehrung besagter Sechziger, waehrend der Rechte fuer “kalt” in Metalloptik mit seiner vergilbten Plastikeinfassung das Flair der Wende verkoerpert. Nicht, dass die beiden sich temperaturtechnisch gross etwas genommen haetten. Es gibt kein heisses Wasser. Aber naja, wenigstens ist der Abfluss diesmal angeschlossen.

So hab ich mir ein Zimmer fuer 40 Euro jedenfalls schon immer vorgestellt, in einem Land, in dem die Rentner 150 Euro im Monat erhalten! Denn Hostels, Hotels und Guesthouses sind hier einfach ekelhaft teuer. Nun ja, noch immer gut 15 Euro gespart im Vergleich zum Internet. Trotzdem - Dank sei Gott, dass Alex' Familie so gastfreundliche Bekannte und Verwandte hat!

Fuer den Abend sind wir dann noch ein wenig durch's Zentrum spaziert, haben noch ein Bier in einer Bar getrunken und uns spaeter den Schluessel fuer ein anderes, besseres Zimmer einen Stock hoeher in einem anderen Fluegel des Hotels geholt, in dem wir duschen durften. Egal, das heisse Wasser war einfach nur ein Freudenfest nach Tagen auf dem Zug!



Der Morgen wurde nicht weniger spannend. Fruehstueck war noch inklusive, und bevor es wieder fuer 28 Stunden in den Zug ginge, wollten wir das ungern liegen lassen. Der Taxifahrer, den wir dann bestellt hatten, wollte allerdings einen unverschaemten Preis fuer die kurze Fahrt und es stellte sich heraus, dass um diese Uhrzeit innerhalb der naechsten Stunde auch kein Wagen bei der Zentrale zu kriegen sein wuerde. Der Halunke, der da vor uns stand, war sich also einfach seiner oder vielmehr unserer Situation bewusst. Aber nicht mit uns! No risk, no fun; die Rucksaecke also auf die Schulter und auf der Hauptstrasse einfach Daumen raus. Wenn meine Mutter jetzt die Haende ueber dem Kopf zusammenschlaegt, dann sei ihr gesagt, dass ich das in dieser Stadt hier persoenlich sogar fast fuer sicherer halte als Taxi fahren. Denn so kann ich mir die Leute aussuchen, mit denen ich fahre, mich auf mein Gefuehl und die Erfahrung verlassen, die ich mittlerweile auf meinen Reisen gesammelt habe - waehrend die Taxifahrer hier oft ohne Weiteres auch Statistenrollen in Filmen ueber die Mafia uebernehmen koennten...

Und wer sagt's denn, klappt doch irgendwie immer wieder, wisst ihr ja mittlerweile. Denn es gibt auch einfach noch unheimlich nette Menschen auf dieser Welt. Ein junger Mann, den wir gefragt haben, als er gerade gegenueber gestoppt hatte, um seine Freundin abzusetzen, erklaerte sich bereit, uns fuer 150 Geld zum Bahnhof zu fahren. Als wir ihm das Geld dann schliesslich geben wollten, winkte er ab und verabschiedete sich schlicht mit einem freundlichen Haendedruck. Vielen herzlichen Dank auch!

Bei Sonnenaufgang standen wir am Bahnhof, und einen kurzen Lebensmitteleinkauf spaeter stiegen wir schon wieder in einen Zug, der uns in etwa 28 Stunden nach Moskau bringen wird. Ein Spaziergang wie Alex sagt im Vergleich zu dem, was wir schon hinter uns haben!



Rail Distance since the Pacific Ocean: 8887 km

Corresponding travel time: 140,05 h – or 5 days, 20 hours and 3 minutes



25 09 2010

Transsibiria

 

Ich sitze am Tisch im Zug und tippe. Wir sind seit knapp 20 Stunden unterwegs, aufgebrochen bei Irkutsk. Alex hat gerade die GPS-Funktion seines Handys genutzt und verkuendet, dass es noch etwa 1900 km sind bis nach Ekaterinburg, unserem naechsten Stopp. Luftlinie wohlgemerkt. Insgesamt eine etwa 50-stuendige Fahrt nach Westen, gut zwei Tage und Naechte lang und 3374 Kilometer immer weiter Richtung Heimat. Quer durch Sibirien, von Süd- zu Westgrenze, von der Mongolei zum Uralgebirge.

Wir fahren also durch Sibirien, die Schienen sind ziemlich mies muss man sagen und wenn man Tee holt, muss man aufpassen nichts zu verschuetten, weil der Zug so schwankt. Vorausschauendes Fahren ist auch nicht so deren Ding, so dass der Zug immer mal wieder abrupt bremst. Elektrizitaet gibt es an Bord nicht und der unverzichtbare Warmwasserboiler fuer den Tee wird mit Kohlenbriketts geheizt, auf jedem Waggon steht so ein urtuemlicher Schornstein und qualmt vor sich hin. Die Klospueleung existiert nicht und die  “Zentralheizung” besteht aus einem langen Heisswasserrohr, das die Waggonseite entlanglaeuft. Hat den Nachteil, dass der Beginn des Waggons affenheiss ist, waehrend die Leute am Ende frieren. Wir haben Glueck, wir sind fast in der Mitte, leicht Richtung heiss. Die “Abteile” sind aber eh offen, der ganze Grossraumwaggon ist eine Einheit, man schlaeft rechts und links des Ganges und die Betten kann man zu Tischen umbauen..

Gegenueber schnarcht uebrigens Buddha persoenlich und hoechst vernehmlich. Buddha kommt aus Kirghistan.

Waren die Chinesen nur sparsam bei der Beschriftung, gehen die Russen uebrigens gleich einen Schritt weiter. Irgendwer hat den Safety-Hammer geklaut. Aber wenigstens hat wer wieder mit Kugelschreiber einen hingemalt. Hauptsache, die Plexiglasscheibe ist noch intakt. Das Bordrestaurant ist zwar sicher wunderschoen, leider kann man aber nicht hin, weil die Zwischentueren zwischen den Waggons abgeschlossen sind. Vielleicht aber duerfen auch nur wir nicht dahin. Wir fahren unterste Klasse.

Nun ja, wir machen das Beste draus. Wir haben hier schliesslich einen Ruf als verrueckte Westler zu verteidigen!

Und vorgesorgt haben wir auch. Tanja meinte es gut mit uns, hungern werden wir diesmal hoffentlich nicht in den nächsten Tagen...

Aber was soll's ohnehin, die Aussicht ist beeindruckend, beeindruckend deswegen, weil sie sich ueber Tage kaum aendert. Endlose waldbestandene Huegel in herbstlichen Farben, und dann wieder lange Abschnitte flacher Tundra. Suempfe und kleine Tuempel in Birkenwaeldchen. Fluesse und Seen. Hin und wieder halten wir an den Ausweichstellen der eingleisigen Strecke, um unendlich lange, mit Holz beladene Gueterzuege oder Postzuege vorbeizulassen, die uns entgegenkommen. Ich gebe den Versuch jetzt auf, die Farben auf einem Foto festzuhalten –  es ist leider zwecklos. Die dreckigen Fenster und der schnelle Zug lassen jedes Foto grau und verschwommen aussehen, mit einem solchen Bild wuerde ich euch keinen Gefallen tun...

Es gibt kaum Menschen hier in der Region, gelegentlich kleine Ansiedlungen von Menschen, die von der Landwirtschaft im kleinen Stil leben. Huebsche kleine Holzhaeuser mit bunten Fenstern. Dazu ein Gemuesegarten, Holzzaun, Kartoffelfeld und der obligatorische Wolfshund. Selten kommen wir auch an groesseren Staedten vorbei, die allesamt aus einer anderen Zeit zu stammen scheinen. Grau und verfallen, teilweise sind die Industrieanlagen nicht einmal vollendet worden vor dem Zusammenbruch der UDSSR. Gueterbahnhoefe ohne Schienen, unterbrochene Pipelines und aufgerissene Betonplatten, zwischen denen kleine Baeume wachsen. Alles menschenleer. Irgendwie macht das Ganze einen trostlosen Eindruck. Eine riesige, halb verfallene Apotheke, an der wir vorbeifahren...

An den Bahnhoefen der wenigen groesseren Orte, an denen wir stoppen, steige ich kurz aus, um Luft zu schnappen. Die Temperatur ist unter dem Gefrierpunkt und das gelbe Licht und der Rauch des Zuges lassen die Situation irgendwie unwirklich erscheinen...

Aber dann kommt man wieder in die Natur, ueberquert einen dieser zahlreichen breiten Fluesse mit kleinen Inselchen drin, auf die vielleicht noch nie ein Mensch einen Fuss gesetzt hat. Die Sonne geht gerade ueber den Huegeln auf oder wieder unter, die Landschaft strahlt in Gold und ein Schwarm Voegel zieht schon gen Sueden. Und das ist dann irgendwie genau das Sibirien, auf das ich gehofft hatte. Endlose Weiten und ein Gefuehl von Freiheit. Schoen...

Trotzdem - das Leben hier ist hart, gerade im heraufziehenden Winter, wo das Thermometer hier regelmaessig teils weit unter die minus 50 Grad faellt. Im Vergleich zu Suedostasien, wo jeder grundsaetzlich erstmal laechelt, sind die Menschen hier schon fast verschlossen. Man sieht kaum jemanden mit einem strahlenden Gesicht, unvorstellbar, dass dich jemand einfach so auf der Strasse gruessen wuerde. Wenn man die Menschen aber kennen lernt, dann sind sie sehr herzlich, teilen, was sie gerade haben und scheinen ploetzlich wie verwandelt. So haben wir zum Beispiel mit einem Kirgisen Karten gespielt, und spaeter mit ein paar jungen russischen Rekruten, die von Novosibirsk bis nach Ekaterinburg fahren. Voellig selbstverstaendlich wird da das Brot, die Wurst und der Wodka auf den Tisch gestellt, Saft dazu, wir konnten noch ein paar Tomaten, Thunfischsalat und Salz beisteuern und dann wurde eben geteilt. Wir “kannten” uns seit etwa zehn Minuten. Das ist schon toll und einer der Gruende, warum ich mir das immer wieder antue, all die Strapazen und Entbehrungen, die das Reisen nun einmal auch mit sich bringt...

Der Abend war noch lang, bis nach drei sassen wir noch zusammen und haben uns unterhalten, waehrend der Zug immer weiter durch die Nacht rumpelt. Hauptsaechlich redet natuerlich Alex, weil ich ein Fuenftel meines russischen Repertoires ja bereits gewinnbringend eingesetzt hatte, um die Tomaten anzupreisen. Die Jungs waren neugierig auf uns, auf Deutschland und auf China. Egal wo ich bin, es faellt immer wieder auf, dass die Menschen, die sich das Reisen oft nicht mal eben so leisten koennen, unheimlich interessiert sind an den Geschichten aus fremden Laendern und Kulturen. Fuer sie ist das fast wie dort sein. So haben mich zum Beispiel Tanja und Viktor sogar gebeten, ihnen die Bilder von meinem Suedostasientrip da zu lassen...

Gerade blicke ich aus dem Fenster, es ist Mittag und ich sehe eine glutrote Sonne, die durch milchig-gelbe Schwaden scheint. Alles sieht unwirklich aus. Wir haben die Waldbrandgebiete erreicht. Nachdem die Feuer rund um Moskau geloescht sind, steht jetzt Sibirien in Flammen. Und so schlimm die neuen Feuer sind - fuer uns, die im Zug nur durch die Gebiete hindurchfahren, bietet sich ein Farbenschauspiel, das seinesgleichen sucht. Pinker Himmel ueber einer toten, abgebannten Landschaft, die sich im Dunst verliert. Sieht stark aus. Das russische Fernsehen hat noch vor ein paar Tagen vor Smog in Ekaterinburg gewarnt. Ich hoffe, der Wind hat seitdem gedreht, auch wenn mich Smog mittlerweile wohl kaum mehr schreckt. Nun ja, wir werden es sehen.

The longest stage of my journey: 3374 km

Time on Sibirian rails: 51 h, 17 mins



24 09 2010

Autumn in Siberia

 

Unsere erste Station in Russland heisst Irkutsk. Welcome to Siberia, my friend! Tanja, Viktor, Luba und Andrej holen uns geschlossen am Bahnhof ab, die vier wohnen in einem kleinen Dorf bei Usolje, etwa 90 km von Irkutsk entfernt. Jemand aus Alex' Familie kennt naemlich wen, der wen kennt, der von wem gehoert hat, der bei denen im Dorf wohnt. So ungefaehr zumindest.



Tanja und Viktor, bei denen wir wohnen, sind wirklich ein Positivbeispiel der russischen Seele. Unheimlich herzlich nehmen sie uns, die sie nicht einmal kannten, auf und tun alles, um uns unseren Aufenthalt so schoen wie moeglich zu machen. Viktor nimmt sich teils sogar frei von seiner Arbeit und Tanja mästet uns geradezu mit ihrer Kochkunst. Dazu Andrej, der uns wann immer wir irgendwohin wollen oder müssen  durch die Lande fährt und mit Engelsgeduld auf uns wartet, wenn's mal wieder laenger dauert. Toll. Vielen, lieben Dank noch einmal!

Da die vier ausschliesslich Russisch sprechen, habe ich natuerlich echte Probleme, bisher konnte ich nur die absolut essentiellen Ausdruecke “Prost!” und “Ich liebe dich!”. Die passen aber hier doch recht selten, musse ich leider feststellen. Bis auf "Prost", das geht immer. Da muss jedenfalls dringend agiert werden, auch wenn ich natuerlich mit einem Reisepartner mit fliessendem Russisch gesegnet bin. Weil sich die Gelegenheit zum Fragen und Lernen aber nunmal meist beim Essen bietet, merkt man das meinem Wortschatz dann bald auch an. Viel kann ich zwar nicht, aber “Tomate” kann ich sagen, “Ei” auch. Von “Vielen Dank” vergesse ich immer das “Vielen” und bei “gute Nacht” kann ich “gut” nicht aussprechen. Ueberhaupt 'ne wilde Sprache, das Russische. Artikulatorisch halte ich es naemlich noch immer fuer unmoeglich, die Konsonanten V, r und j hintereinander an einen Wortanfang zu setzen. Auch wenn Alex da anderer Meinung ist. “Brot” auf Russisch ist auch so ein Thema, laeuft aber langsam. Klingt halt nur wie ein Raucher mit starkem Asthma, aber ich glaub, das ist sogar so gedacht. “Pilz” geht hingegen ganz gut, mittlerweile krieg ich das sogar in der Mehrzahl hin und “Schlampe” hab ich im Zug gelernt.

Wir wohnen bei Tanja und Viktor zu Hause, in einem kleinen russischen Landhaus mit Allem, was dazu gehoert. Sommerkueche, russischer Sauna, Hofhund, Gemuesegarten mit Gewaechshaus und Toilette auf dem Hof. Urgemuetlich, wenn Tanja mal wieder frische Blumen in die Vase gestellt und aufgetischt hat.



Das Essen ist sowieso ein Traum. Frisches selbstgebackenes Brot, eingemachtes und frisches Gemuese aus dem Garten, Borsch (Ja, wie schreibt man das denn nu' auf lateinisch? Eine Gemuesesuppe mit Roter Beete jedenfalls!), Pilmeny, selbstgemachte Maultaschen in einer klaren Bruehe, Piroschky, Zwiebelkuchen mit Tomaten, Kartoffelauflauf und selbstgemachte Marmelade mit frischem Gebaeck. Danach Suessigkeiten und Tee dazu. Der ganz grosse Teil davon kommt uebrigens aus dem eigenen Garten, denn Lebensmittel sind teuer und was man hat wird getauscht.



Fliessendes Wasser gibt es nicht und geheizt wird mit Holz. Manchmal wird der Strom abgeschaltet, ansonsten laeuft der Fernseher in der Sommerkueche rund um die Uhr mit russischen Schmonzetten. Ich bin zwar eher so der visuelle Typ, wenn's um Fernsehen auf Russisch geht, aber ich folge trotzdem hoechst aufmerksam. Koennte ja sein, dass die Worte “Tomate”, “Ei”, “Pilz”, “Schlampe” oder “Brot” fallen, und dann bin ich gleich wieder drin.

Abends geht es regelmaessig in die Banja, die russische Version der Holzofensauna, die zu jedem Landhaus gehoert. Zwei Stunden wird der Ofen vorgeheizt und dann dient das Ganze gleichzeitig als Dusche. Zum Glueck geht das Ganze mit ner Menge Dampf einher, schlecht fuer Kameras, so bleiben euch die Bilder erspart von nackten Maennern, die sich gegenseitig mit heissen, feuchten Birkenzweigen auspeitschen. ;-)

 



Das hier ist uebrigens mein Freund Muchtar, der Hofhund. Wir fuehlen uns einander echt verbunden, er ist naemlich der Einzige in diesem Landstrich hier, der in etwa so viel Russisch spricht wie ich. Im Reden liege ich leicht in Fuehrung mit meinen paar Woertern, im Hoerverstaendnis hat er allerdings die Nase klar vorn.

Das Dorf ist unheimlich arm fuer unsere Massstaebe, nirgendwo fliessend Wasser, keine stabile Stromversorgung, weder Internet noch Kabelanschluss und kaum geteerte Strassen. Ein ganz normales Dorf wie Tausende andere hier in Sibirien eben. Die Dorfstrasse...



… und der Kaufmannsladen, mit Wippwaage und Rechenschieber.



Noch wen gefunden, der kein Russisch kann. :-)



Nachteil an der beschaulichen Lage ist allerdings fuer mich und fuer euch irgendwie auch die Internetanbindung. Im ganzen Dorf gibt es naemlich nicht einen Anschluss und fuer das Internetcafe der Region mit sage und schreibe zwei Computern muss man ueber Schlaglochpisten aus Lehm und Erde bis in die naechste Stadt fahren. Immer wieder huepfe ich hinten im Wagen mit dem Kopf gegen die Decke, wir kurven mal wieder um Loecher, die jedem deutschen Feldweg eine Renovierung eingebracht haetten. Der Taxifahrer, der womoeglich zum ersten Mal einen Auslaender faehrt, fragt Alex, ob mich denn ihre Strassen beeindrucken wuerden. Alex‘ trockene Antwort darauf: “Ach was. Der hat Schlimmeres gesehen.” Womit er Recht hat. Eine Entschuldigung fuer mich, um einen Gelaendewagen zu fahren, waeren sie aber allemal...

In der Stadt treffen wir dann auch wieder auf bauliche Spuren der glorreichen Sowjetunion. Rund um Wohnbloecke, die langsam aber sicher dem Verfall ueberlassen werden, stehen rostige Folterinstrumente aus Stahl, die einmal zur koerperlichen Ertuechtigung der Volksgenossenschaft dienten... Ein wenig erinnern mich manche, menschenleere Viertel an Prepjat, die Stadt, die 1986 nach dem Unfall in Tschernobyl geraeumt wurde und seitdem wie ein gigantisches Freilichtmuseum vor sich hin rostet...

Weil es so unheimlich gut zu der trostlosen Stimmung in den Staedten hier passt, habe ich mich entschlossen, die Reste der guten alten Zeit in Sepia zu kolorieren. Besser koennte ich die graue Melancholie nicht beschreiben, die ueber der Stadt und den wenigen Menschen liegt, die mit hochgeschlossenem Kragen durch die Strassen eilen. Sibirien ist einfach unheimlich am Boden. Das sieht man ueberall und immer wieder, ein furchtbar armer Landstrich, wenn man von den wenigen absieht, die ihr Geld mit Oel und Gas verdienen. Lebensmittel sind oft schon abgelaufen, bevor sie im Laden ueberhaupt in die Regale kommen und doch sind die Dinge so teuer wie bei uns, teils teurer. Und das bei Renten von knapp 150 Euro im Monat. Wer kann, wirtschaftet in seine eigene Tasche, ein paar Rekruten haben uns von einer Mine erzaehlt, in der neun von zehn LKW nicht einmal registriert sind, nur einer von zehnen faehrt offiziell fuer die Mine, die laut Steuerregister ein Verlustgeschaeft ist und nur der Arbeitskraefte wegen am Leben gehalten und gar bezuschusst wird... Da braucht man sich nicht zu wundern, wenn sich niemand verantwortlich fuehlt, eine Muellentsorgung zu organisieren oder gar den Schrott auf den Strassen zu entsorgen...

Hier zum Beispiel ein Kurort, der auf Russisch uebrigens "Kurort" heisst. Das Ganze ist noch in Betrieb und es gibt sogar ein paar Gaeste. Daraus koennte man echt was machen. Aber die einstig prachtvollen Treppen hinab zum Wasser sind verfallen und abgesackt, nur ein Blumenkuebel blueht noch wie zum Hohn.

Und die alten Badehaeuser sind irgendwann mal abgebrannt, anstatt die Ruinen zu entsorgen, hat man einfach ein Neues ein Stueck weiter gebaut...

Es gibt aber natuerlich auch wirklich schoene Seiten. Hier zum Beispiel passen die Zwiebelturmkirchen einfach gut hin...



Und drum herum stehen die typisch sibirischen Holzhaeuser mit den geschnitzten Dchbalken und Fenstern und den bunten Fensterlaeden. Urig. :-)



Oder wenn man mal eben zum naechsten Fluss faehrt, wo einfach nichts ist. Sibirien. Baeume, Wasser, Ruhe ein Sonnenuntergang und ein idealer Platz fuer ein einen Grill, ein Bier und eine Angel...

Sunset in Siberia...

Aber fuer mich ist ja schon der Spaziergang durch den Wald einfach nur erholsam.  Sieht genau aus wie bei uns, nur hier geht das eben Hunderte bis Tausende Kilometer immer so weiter... Auch wenn ich eigentlich echt kein Spaziergaenger bin, ist es einfach nur ein Traum, nach dem baumlosen China und dem heissen, feuchten und dichten Dschungel des Suedens mit all seinen giftigen Tieren noch einmal durch einen lichten Birkenwald zu laufen und durchzuatmen. Einfach so, ohne aufzupassen, wo man hintritt, ohne Rucksack oder schwere Stiefel. Nicht schwitzend und ohne Malariagefahr.



Rattenscharf auch das Kartoffelfeld hier mitten im Wald. Die Menschen muessen eben sehen, wo sie bleiben, um am Ende des Winters nicht zu hungern. Die Aufschrift auf dem am Baum angenagelten Holzbrett: “Erwischt – Verstuemmelt!”



Traurig aber die Muellentsorgung. Ueberall illegale Muellkippen, auch wenn es laut Viktor damit schon langsam besser wird. Aber was will man auch gross erwarten von einem Gesetz, das 200 Euro Strafe vorsieht, wenn man illegal Oelpipelines anbohrt um schwarz Benzin zu raffinieren und ohne Ruecksicht auf die Umwelt seinen Dreck entsorgt. Die Strafe greift nur, wenn einwandfrei nachgewiesen werden kann, wieviel Oel verklappt wurde, auf frischer Tat ertappt reicht nicht aus...



Leider war ich die ersten Tage uebrigens echt etwas gehandicapt, ich hatte mit einer Lebensmittelvergiftung zu kaempfen. Magenkraempfe ueber ein paar Tage hinweg. Sage und schreibe zwei von sieben Sachen, die wir in der Mongolei vor der Fahrt gekauft hatten, waren naemlich NICHT verdorben. Und wir haben schon im besten Supermarkt der Stadt eingekauft! Leider sah man es dem Baguette beim besten Willen nicht an... Da kann die Mongolei echt wenig. So langsam versteh ich auch, warum die nur Fleisch essen! Denn die Mongolen essen in der Tat zu jeder Mahlzeit nichts als Fleisch, selbst zum Fruehstueck. Mittags Fleisch an Fleisch und abends Fleischreste. Gemuese gibt es in diesem Land so gut wie ueberhaupt nicht. Nur ein Prozent der Flaeche sind landwirtschaftlich geeignet, und auch das nur fuer Kohl und Moehren, die die Maenner nicht anruehren. Hin und wieder gibt es eine Art Nudeln oder Teigtaschen, die Zutaten muessen aber importiert werden. Bei solcher Qualitaet werde ich in Zukunft allerdings auch die Finger davon lassen...

Das hier ist eben doch noch eine andere Welt, so sehr es sich wohl gewandelt
haben mag. Was Viktor und Tanja uns erzaehlen, erscheint uns verwoehnten
Westeuropaeern ungeheuerlich. Alte Leutchen werden beklaut, der ganze
Garten wird ausgeraeumt, waehrend sie hinter der Gardine zuschauen
muessen. Sie trauen sich nicht raus, da solche Raubueberfaelle auch
schnell gewalttaetig enden. Ein Anruf bei der oertlichen Miliz, der
Polizei, bringt nichts. “Wir haben kein Benzin”, ist dann die lapidare
Antwort.



Auch
der Rettungswagen und selbst die Feuerwehr kommt eben manchmal und
manchmal nicht. In ein Krankenhaus aufgenommen wird man aber ohnehin
nur, wenn es lebensbedrohlich wird. Aerzte gibt es aber leider fast
ausschliesslich dort. Vor ein paar Jahren hatte Tanja zum Beispiel
solche Schmerzen, dass sie nicht mehr gehen konnte. Keine Chance auf
Aufnahme oder auch nur eine Untersuchung im Krankenhaus. “Extern
bezahlen”, ist hier ein gaengiger Begriff. Fuer die Menschen etwas
Normales, wuerden wir es Schmiergeld oder Korruption nennen.  Immerhin
hat es Tanja damals zu einem Rezept verholfen, mit dem sie sich von
ihrem schmalen Verdienst in der Apotheke auf eigene Rechnung die Mittel
kaufen konnte. Viktor, ihr Mann und ein recht faehiger Elektriker, hat
ihr die Spritzen in den Ruecken dann selbst gesetzt...

Mit
am Traurigsten fand ich aber die beiden Baeren, die am Ufer des Baikal
leben mussten, in einem Gehege, bei dem einem das Laecheln wirklich
vergehen konnte... Fuer knapp 50 Cent kann man einen Blick werfen auf
die Hoelle aus Stahlgittern, Gestank und Beton, in der die beiden
dahinvegetieren, nur einen Meter entfernt von den unendlichen Waeldern,
in die sie gehoeren... Nicht ein bisschen Gruen, nicht ein
bisschen
Erde, kein Stroh. Nur Stahl und Beton. Ich habe darueber nachgedacht,
ob ich den Eintritt bezahlen soll. Unterstuetzt man das Ganze damit
nicht noch? Aber ich glaube, es ist es trotzdem wert, wenn ich euch die
Bilder zeigen kann, denn in Europa ist so etwas unvorstellbar...

Als wolle er sagen: Ich weiss doch, dass ich verloren habe. Den traurigen Blick von diesem Baeren vergisst man so schnell nicht...


Sein Freund tut den ganzen Tag nichts anderes, als den Kopf apathisch von einer Seite zur anderen zu pendeln. Trostloses Dasein...

Manchmal ist Russland allerdings auch unfreiwillig komisch. Da kommst du an einem Transformatorenhaeuschen vorbei, an dessen graue Plastikwaende Abreisszettelchen geklebt sind, wie sie bei uns fuer Nachhilfe- oder vielleicht noch Musiklehrer typisch sind. Hat ein wenig vom Flair der kommunistischen Propaganda, wie man sie aus Filmen kennt. Und dann stehen da so Dinge wie “Traeger fuer schwere Arbeiten – garantiert nuechtern!” oder “Russische Handwerker anzubieten - ohne schlechte Angewohnheiten!”. :-) Sowas gibt es ueberall. Hier mal die unheimlich einladende Eingangstuer der Hauptpost in der Stadt.



Etwa die Haelfte der Fahrzeuge hier stammt uebrigens noch aus Sowjetzeiten, die schweren LKW und Behoerdenfahrzeuge fast ausschliesslich.

"Bei uns auf dem Dorf" geht es da noch einfacher zu... An Schoengefoehnt und Co - erkennt ihr das Motorrad trotz Lenker und Schutzblech? ;-) Mit solchen alten sowjetischen Maschinen in der Gelaendeversion und ohne Beiwagen sind wir im Fruehjahr durch Nordvietnam gefahren...



Gut. Tankstelle auf sibirisch.

Stark auch am Bahnhof der Stadt. Man hat eine Ueberfuehrung gebaut, um der vielen Gleisunfaelle Herr zu werden. Das hoch und runter war den Leuten aber zu anstrengend, so dass sich an der Situation nichts aenderte. Zaeune wuerden hier hoechstens ein paar Tage stehen, bis sie geklaut werden, Mauern werden zerstoert. Was macht der findige russische Stadtverwalter also? Russen bauen tatsaechlich Zaeune aus extra abgestellten alten Gueterwaggons! Da klaut keiner mehr...

Als ich nach meiner Lebensmittelvergiftung wieder fit bin, nehmen wir uns dann einen langen Tag lang Zeit fuer eine Tour um die Suedspitze des Baikalsees. Das ist Pflichtprogramm. Die “Dreckpfuetze”, wie Viktor sie nennt, ist schon beeindruckend. Weltnaturerbe der UNESCO. Eindrucksvoll allein die Eckdaten. Ueber 20% der Suesswasserereserven der ganzen Welt lagern allein in diesem See, der groesste, tiefste und aelteste See der Welt. Der klarste ausserdem und der mit der groessten Artenvielfalt. Sogar ne Robbe wohnt da. Die sehen wir aber nur im Aquarium vom Museum.



Geile Fuesse.



Leider ist das  Wetter am Vormittag sehr diesig. Die Aussicht ueber die Weiten des Sees leidet da natuerlich deutlich. Trotzdem beeidruckend, dass man einfach das andere Ufer in Richtung Norden nicht sieht.



Picknick am Seeufer. Es gibt frischen Raeucherfisch, den wir am Hafen gekauft haben, Wurst, frischgebackenes Brot, Tee, Wodka, hartgekochte Eier und Tomaten. Ich bin unheimlich stolz, mich am Gespraech beteiligen zu koennen. Zumindest so lange, wie es noch Eier, Tomaten oder Brot gibt.

Und wenn wir uns auch ueber ein bisschen mehr Sonne nicht beschweren wuerden, sehen die Lichtspiele ueber dem See schon echt stark aus. Und weil ich ja nix mehr zu Reden hab, lieg ich einfach ein bisschen auf dem Ruecken und sehe dem Schauspiel zu...



Glorreiche und heldenhafte Sowjet-Vergangenheit gibt es uebrigens selbst hier. Das Ding hiess mal "Mir" - "Frieden".



Gegen Nachmittag klart das Wetter aber dann endlich auf. 

Die unzaehligen kleinen Buchten des suedlichen Baikal glitzern total schoen in der warmen Sonne und wir sind ganz allein weit, und breit kein Mensch...

Mit unserem alten russischen Van fahren wir weiter entlang der leeren Highways durch die Waelder rund und um den See. Der Herbstwald auf den Huegeln rundum leuchtet mit der Sonne um die Wette und zu unserer Linken begleitet uns die glitzernde Wasseroberflaeche des Baikal. Schoen! :-)

Das mit der Dreckpfuetze sagt Viktor leider aber nicht umsonst. Denn vor kurzem erst hat Putin unterschrieben, dass eine Zellulosefabrik den See wieder mit ungeklaerten Abwaessern verpesten und ihren Restmuell am Strand verbrennen darf. Beziehungen siegen hier eben selbst ueber jahrelange Proteste von Fischern und Umweltgruppen, nachdem einige Fischarten schon gefaehrdet waren und der Laden geschlossen wurde. Jetzt ist er nun mal wieder offen.

Aber wenn man dann wieder mit russischer Countrymusik aus dem Radio auf einem loechrigen Highway durch endlose Waelder faehrt, immer dem Schild Novosibirsk nach und von Zeit zu Zeit Fluesse ueberquert, breit wie der Rhein, deren Namen ich noch nie gehoert habe, dann stellt sich dieses positive Sibirien-Gefuehl von Weite und unberuehrter Natur wieder ein. Dann macht Sibirien wieder Spaß...



Letzte Woche hat es schon geschneit, auch jetzt faellt die Temperatur nachts unter Null. Aber noch strahlt die Natur in herbstlichen Farben, die Birkenwaelder leuchten in Rot, Gelb und Orange.



Und ueber der Tundra geht die Sonne unter und taucht alles in ein roetliches Licht. Es ist schoen, hier zu sein.

Rail kilometers since the Pacific Ocean:   5513 km

Time spent in trains so far:   88,77 h   or:  3 days, 16 hours and 46 mins



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20 09 2010

Getting into Russia...

 

Zweite lange Etappe auf der Transsibirischen Eisenbahn. Von Ulaan Baatar durch die noerdliche Mongolei nach Sibirien, bis Irkutsk am Baikalsee. Diesmal in russischen Zuegen, mit russischem Personal. Und russischem Ablauf.

Mein erste Bekanntschaft mit der grossen russischen Seele. Und die hatte es in sich. Laut Ticket hatten wir ein Abteil in Wagen Nummer Eins. Dazu muss man allerdings wissen, dass hier kein Wagen nummeriert ist. Am zweiten Wagen hinter den Loks hatte aussen jemand einen Schmierzettel mit einer “9” angebracht, was allerdings auch nicht gerade zu unserer Orientierung beitrug. Sinn bis dato noch immer unklar, zumal die Zugnummer 263 betrug. Die einstelligen Zugnummern sind die schnellen Zuege, die zweistelligen die langsameren und die dreistelligen eben unserer. Was soll's, war der Billigste.

Der naïve deutsche Tourist steigt also guten Glaubens in den ersten Wagen ein, praesentiert stolz sein in kyrillisch geschriebenes Ticket – und stolpert gleich wieder rueckwaerts aus dem Zug. Ihr koennt euch nicht vorstellen, wie Drache Nummer 1 und Drache Nummer 2 da abgegangen sind. Was wir genau falsch gemacht haben, blieb unklar, da Madame nur russisches Vokabular und selbst da glaube ich nur die Schimpfworte beherrschte. Aber es reichte fuer eine lange Schimpftirade der sehr beleibten Person, die die Haende in die Hueften gestemmt und unterstuetzt von einer sehr Hageren mit Vogelgesicht ueber mir auf der Trittleiter wetterte. Wie im Bilderbuch. Ich wartete so lange mit eingezogenem Kopf auf dem Bahnsteig auf das Ende des Gewitters und gab immer mal wieder freundlich laechelnd auf Deutsch zu bedenken, dass ich sie nicht im Mindesten verstaende. Stoerte sie aber nicht im Geringsten. Das Ende kam dann irgendwann mit einem lauten Knall. Als sie mir naemlich vor der Nase die Tuer zugeschlagen und sicherheitshalber gleich verriegelt hatte. Offensichtlich war das NICHT mein Wagen Nummer 1. Oder vielleicht auch “hoffentlich”. Ich haette mir Alex an meine Seite gewuenscht, denn ab hier wuerde er mit seinem fliessenden Russisch den Part mit dem Reden uebernehmen muessen.

Ueberraschenderweise war es dann Wagen Nummer “9”, der zweite also in der Reihe. Und unsere Schaffnerin war im Vergleich zu den Drachen vorne auch eher so der Typ Nepomuk. Kennt ihr, oder? Der von Jim Knopf, der passenderweise hinter dem Land des gelben Kaisers wohnt. Zwar ein Drache, aber ein eher kleiner, ungefaehrlicher. Sie hat's zwar redlich versucht, spuckt aber nur Rauch und hin und wieder ein paar Funken. Allerdings auch auf Russisch. Wenn man sein Handy waehrend des Grenzuebertrittes laden will zum Beispiel. Die genaue Begruendung ist uns entgangen, wir haben uns auch nicht mehr zu fragen getraut nach dem zweiten Versuch und diesmal bereits recht bedrohlich wirkenden Funken. Aber das mochte sie anscheinend einfach nicht, ein Kabel in “ihrem” Waggon, waehrend immer mal wieder Grenzer reinkamen zur Begutachtung.

An sich waere das ja auch gar kein Problem gewesen, die Kabel mal kurz auszustecken. Mal kurz wie gesagt. Der Grenzuebergang dauerte allerdings geschlagene neun Stunden. Und diesmal sogar OHNE Spurweitenaenderung. Mal sehen, ob das noch zu toppen ist auf dem Rest meiner Reise. Nepomuk hatte uns am Abend angekuendigt, dass sie uns morgens anderthalb Stunden frueher wecken wuerde, damit wir noch ins “Bad” und auf Toilette koennten, bevor es an die Grenze ging. Netter Zug von ihr. Vergessen zu erwaehnen hatte sie allerdings, dass die WC's schon abgeschlossen sein wuerden um diese Uhrzeit, was uns fuer die folgenden viereinhalb Stunden zu Gefangenen in unserem Abteil machte, raus und auf die Bahnhofstoilette konnten wir erst gegen Mittag. Auf und ab tigern im Waggon war also angesagt, unser Zug stand auf einem toten Abstellgleis, nur ein paar Gleise trennten uns vom Bahnhof und der Toilette... Der Nothammer und die Wagenfenster nahmen schon eine bedenkliche Rolle in unseren Gedankenspielen ein, als man uns endlich aus dem Zug liess.

Quer ueber die Schienen gewetzt und zur Bahnhofstoilette. Die kostete dann allerdings eine recht saftige Gebuehr, ein echtes Problem fuer uns. Alex und ich hatten naemlich mal wieder ueberhaupt kein Geld, 30 MongolischeTugruk blieben uns noch gemeinsam, etwa 1,7 Cent also. Ganz davon abgesehen, dass der mongolische Tugruk eine geschlossene Waehrung ist und nirgendwo sonst anerkannt wird. Rubel hatten wir eh keine. Wir haben uns aber ohnehin geeinigt, die allgemeingueltige Waehrung “Geld” einzufuehren. Bei den vielen Grenzuebertritten und verwirrenden Waehrungen ist es am einfachsten, den Preis einer Flasche Wasser in “Dreihundert Geld” anzugeben. Handelt es sich nicht um die Landeswaehrung, spricht man von beispielsweise “Fuenf China-Geld”. Eine Praxis allerdings, die regelmaessig fuer verwunderte Blicke sorgt, wenn wir auf deutschsprachige Reisebegegnungen treffen.

Zu unserem Glueck gab es an besagtem Grenzbahnhof dann allerdings einen bezaubernden kleinen Park mit einer Menge Buesche, die uns die Bahnhofstoilette ersparten. Als wir uns dann umdrehten, wurde uns allerdings auch klar, wozu dieser Park diente. Unser ehemals sehr langer Zug bestand naemlich noch aus genau zwei Waggons, der nummernlose erste Wagen mit den Drachen und Wagen Nummer 1 alias Nummer 9, unserer also. Keine Lok, nichts.



Da macht man auch schon mal ein echt dummes Gesicht... Immerhin waren die Waggons jetzt zum Bahnsteig gezogen worden, was uns den Spiessrutenlauf zwischen den Gueterzuegen ersparte. Leider hatte Nepomuk uns aber auch nichts von der “Weggegangen, Platz vergangen”-Regel erzaehlt. Rein oder Raus, beides geht nicht. Wer raus will, kommt auch nicht wieder rein. Das nehme ich zumindest an versuchten sie mir klar zu machen, als ich beim Versuch, wieder in den Waggon zu klettern jetzt schon  zum zweiten Mal unter einem russischen Wortschwall aus dem Zug geworfen wurde. In den Augen des Personals hatten wir uns eben entschieden, draussen zu warten. Kunststueck, wenn man pissen muss wie ein Rennpferd. Das mit dem draussen warten ging uebrigens auch der alten Dame so, die zusteigen wollte und all ihre schweren Pakete bereits verladen hatte. Nix da, alles wieder raus. Warten und spaeter wiederkommen!

Wenn auch meine gesamten Sachen dank unserer hastigen Flucht noch im Zug lagen, so hatten wir doch zum Glueck Alex' Fotohandy, um euch einen Eindruck zu vermitteln von diesem huebschen, einladenden Plaetzchen, in dem wir unsere stundenlange Wartezeit verbracht haben. Meine erste Begegnung mit der Vergangenheit. Ein Ort des Vergnuegens aus der guten alten Zeit...



Zum Glueck kann man Hunde jedenfalls nicht auf Macheten abrichten. Vielleicht kann man sogar, aber der Drogen- und Sprengstoffhund vom OMON, der russischen Spezialpolizei an der Grenze, war jedenfalls zu dusselig. Im Morgengrauen erreichen wir samt Machete Irkutsk, am Baikalsee. Als wir den Fluss Angara ueberqueren, geht die Sonne gerade auf.



Ulaan Batar-Irkutsk: 1113 rail kilometers

Travel time between Mongolia and Russia: 35 h, 40 mins



19 09 2010

Auf den Spuren von Dschingis Khan...

 

Mongolei. Also ich weiss nicht, wie es euch geht, aber ich denke da an endlose Grassteppen, Jurten und schraege Typen auf Pferden. Und ich sollte nicht enttaeuscht werden.

Die ersten Tage waren wir allerdings in der Hauptstadt, Ulaan-Baatar. Und der sieht man echt noch ziemlich deutlich die knapp siebzig Jahre sowjetischen Einfluss an. Breite ehemalige Prachtstrassen mit Gras in der Mitte und ueberall eher maessig schoene Wohnbloecke, zu Vierteln aufgestellt, in deren Zentrum jeweils Stahlgerueste fuer die  kommunistische Jugend stehen. Und von allem blaettert mittlerweile der Putz...

Wir waren im Museum fuer Nationale Geschichte und haben uns ein bisschen fuer die Mongolei interessiert. Von der Steinzeit ueber Dschinghis Khan bis zu den Sowjets und heute. Um es mit Alex' Worten zu sagen: “Also die Mongolen wurden ja irgendwie auch nur gebumst. Ist schon scheisse, zwischen China und Russland zu wohnen!” Tja, was soll ich sagen. Recht hat er. Erst haben die Chinesen die Mongolei Anfang des Jahrhunderts ueberfallen, drei Jahre spaeter kamen die Russen. Und erst seit knapp 20 Jahren sind sie wieder weg.

Seitdem ist es auch wieder erlaubt, Religionen auszuueben, speziell den Buddhismus, frueher eine Art Staatsreligion. Die Art des Buddhismus hier erinnert mich uebrigens sehr an Tibet, die Buddhas sind wieder duenn und nicht mehr rund und pausbaeckig wie in China, es gibt sogar Gebetsfahnen und auch die Gebaeude in den Tempeln erinnern, hier abgesehen vom Dach, oft stark an den tibetischen Baustil.

Auch die Gebetsmuehlen stammen klar aus der Himalayaregion.

Wir haben uns das Beruehmteste der Kloester einmal angeschaut, als die Kommunisten kamen, haben sie hier mehrere tausend Moenche ueber die Klinge springen lassen beziehungsweise in die Armee gezwungen.

Danach war erstmal Ende mit Buddhismus hier, fuer die Amerikaner hat man nur so einen kleinen Showbetrieb aufrechterhalten, des guten Eindrucks wegen. Mittlerweile leben aber wieder mehrere hundert Moenche hier. Allerdings sind die auch in der Moderne angekommen...

Das Kloster ist aber sehr schoen, und wenn man dann vor dem riesigen goldenen Buddha steht oder die Novizen in der grossen Halle im Halbdunkel auf den Kissen kniend ihre Gebete murmeln, dann hat das schon so seine ganz eigene Atmosphaere...

Die Menschen sind oft sehr glaeubig und es ist schon toll zu sehen, wie alte Nomaden in der traditionellen Filzkleidung mit ihren Hueten, die hier uebrigens als Gluecksbringer gelten, aus der Steppe in die Stadt kommen, nur um zu beten... Leider will man sich genau wie bei den Moenchen dann ja auch nicht mit der Kamera vor die hinstellen und sagen “Grins mal, ich brauch ein Foto fuer den Blog!” Der hier war eher so modern mit seiner rattenscharfen Sonnenbrille, da ging das mit dem Foto aus der Huefte noch grade in Ordnung...

Die Ulaan-Baatar'er Stadtmusikanten. Mal gucken, ob ich es noch bis zum Original schaffe. ;-)

Nicht die einzigen bizarren Tiere. Loewe? Man munkelt darueber.

Vom Kloster ging es dann erstmal Richtung Stadtzentrum.

Da war dann wie gesagt Museum fuer Nationalgeschichte angesagt und nachher zum Praesidentenpalast am Suekhbaatar Square. Und einmal mehr: Grosse Plaetze finden die irgendwie gut, die Kommunisten...

Das hier uebrigens sind die strahlenden Helden. Der auf dem Pferd ist Suekhbaatar, leicht tragische Figur. Hat die Chinesen vertrieben und den Russen dadurch Tuer und Tor geoeffnet.

Und natuerlich noch der Held schlechthin hierzulande, the legendary Mister Dschinghis Khan. Ebenfalls oben im Bild. Und auch auf einem Pferd, wie sich das hier fuer Helden so gehoert. Dem hat man ein riesiges Monument ausserhalb der Hauptstadt auf einer Huegelkuppe gewidmet.

War aber ja auch echt beeidruckend was dieser eine Mann geschafft hat, bis nach Kiev ist er gekommen. Haette er laenger gelebt, wuerden wir heute vielleicht alle Mongolisch sprechen. Was allerdings mies fuer mich waere, ich muesste dann auswandern - ich habs versucht und ich krieg die Laute einfach beim besten Willen nicht hin, das ist wie ne Mischung aus Tuerkisch und Hollaendisch, geschrieben auf Kyrillisch, nur eben alles viel schlimmer. Normalerweise spreche ich immer ein paar Woerter der Landessprache, um meinen Respekt zu zeigen und den Leuten eine Freude zu machen. Ist hier einfach echt leider nicht drin, nicht mal mein "Guten Tag" haben die verstanden...

Am naechsten Tag haben wir uns dann einen Jeep gemietet und sind fuer zwei Tage raus in die Steppe. Und das war klasse, die beste Entscheidung, die wir haetten treffen koennen. Mit Batzorig hatten wir noch einen jungen mongolischen Guide dabei, der super in  die Nummer passte. Waehrend der Fahrten durch die Steppe hinten im Wagen hat man nichts von ihm gemerkt, dafuer hat er uns die schoensten abgelegenen Orte und Richtungen vorgeschlagen und die diversen Strassensperren und Gebuehren fuer uns abgehandelt. Ohne Batzorig haette man uns wahrscheinlich ausgenommen wie eine Weihnachtsgans. Unser Auto uebrigens, ein alter Landcruiser 80, starkes Teil:

Am Anfang in Ulaan Baatar habe ich Betzoerk uebrigens nach der “road condition” gefragt. “Excellent, new paved road”. Soviel dazu! Nach ein paar Kilometern war fuer die naechsten zwei Tage nur noch schlechte Piste angesagt...

Die Fluesse wurden teils sogar so tief und stark, dass man sie nur noch mit Untersetzung und Sperren durchfahren konnte und immer wieder wurde auch die Piste so schlecht, dass wir nur sehr langsam vorankamen. Aber wer mich kennt, weiss ja, dass ich damit nicht ungluecklich bin. Tja, was soll ich sagen... Ich steh drauf! :-)

Die Steppe ist vor allem erstmal gross, bevor man irgendwas Anderes dazu sagt. Atemberaubend gross sogar, wenn man ueber eine Huegelkuppe faehrt und unter sich in diese riesigen Weiten schaut. So weit das Auge blickt kein Mensch, nur der schmale Weg, der sich am Horizont verliert.

In der Naehe der Hauptstadt ist die Landschaft sehr trocken und voller Felsen, man merkt ihr die Wueste deutlich an, die nicht weit suedlich von uns beginnt. Das Ganze erinnert schwer an eine bizarre Mondlandschaft in seiner Kargheit am Ende des Sommers...

Autos begegnet man wenigen, aber dafuer gibt's die Kameraden hier. Traditionelles Transportmittel der Nomaden.

In Richtung Terelj National Park aendert sich die Landschaft dann. Man kommt ploetzlich in den Wald, und die Fluesse werden mehr und groesser...

Auf dem Weg wird angehalten und Feuerholz fuer die Nacht gesammelt, denn wir wissen, dass es keine Baeume gibt in der Region, wo wir voraussichtlich die Nacht verbringen werden.

Pause am Fluss.

Und ploetzlich lichtet sich der Wald und wir fahren hinaus auf die offene Steppe. Die grasbewachsenen Huegel, von denen ich getraeumt hatte. Auch wenn sie jetzt, am Ende des Sommers, schon etwas trocken sind...

Und als die Sonne hinter uns untergeht, leuchtet die Steppe gelb dank dem feinen Sandstaub aus der nahen Wueste...

Die  Nacht haben wir dann geschuetzt in einer Senke am Abhang eines der Huegel verbracht. Das Feuerholz aus dem Wald, meinen Grill und Klappstuehle und Zelt aus dem Wagen. Puenktlich zum EInbruch der Dunkelheit loderte das Feuer, das man hier wegen der Tiere und der Nachtkaelte um diese Jahreszeit einfach braucht.

Wir hatten Lamm gekauft und es ueber dem Feuer mit Knoblauch geroestet, dazu Brot und Bier. Unheimlich einfach und unglaublich lecker. Ein echt mongolisches Abendessen sozusagen, in einem Land, in dem nichts waechst. Abends kam ein Nomade vorbei aus einer der Jurten in der Ebene, der das Feuer gesehen hatte. Ein paar Gruesse wurden ausgetauscht und er verschwand mit seinem zotteligen Hund wieder in der Dunkelheit. Leider hatten wir da noch keinen Tee, um ihm etwas anzubieten, wie es die Tradition eigentlich verlangt haette, wenn er in unser Lager kommt...

Nachts wurde es dann in der Tat sehr kalt, aber das Feuer und unsere dicken Schlafsaecke haben uns warm gehalten. Wenn man dann in der Dunkelheit fernab der Zivilisation da liegt, klein und unwichtig vor dieser Kulisse, und auf der naechsten Huegelkuppe die Woelfe heulen hoert, dann ist das schon im wahrsten Sinne des Wortes wild... Gaensehaut, hier will ich nochmal hin!

Am fruehen Morgen gibt es Ruehrei mit Zwiebeln und Kaesetoast vom Feuer, dazu heissen Tee und einen tollen Sonnenaufgang. Klirrend kalt zwar mal wieder aber unser Feuer hat uns einmal mehr gute Dienste geleistet. Als die Sonne dann hoeher stieg, wurde es zum Glueck auch wieder waermer...

Als wir unsere Fahrt ueber die grasbewachsene Steppe fortsetzen, sind wir voellig allein.

Das ist schon toll, man faehrt einfach immer weiter auf diesen schlechten, schmalen Wegen und man sieht einfach kaum einen Menschen. Nach dem ueberfuellten China natuerlich um so beeindruckender... Seltene Begegnung:

Gut zwei Millionen Einwohner hat die Mongolei, von denen knapp die Haelfte in der Hauptstadt versammelt lebt. Eine Million Menschen auf einer Flaeche, knapp viereinhalb mal so gross wie die gesamte Bundesrepublik Deutschland. Vereinzelt passieren wir Maenner auf Pferden, Nomaden, die hier in ihren Jurten leben und ihr Vieh hueten. Da steht ein Ochsenkarren neben der Jurte und den Rest erledigen die Pferde und Kamele. Ein Leben echt wie vor Hunderten von Jahren, hier hat sich nicht viel veraendert...

Irgendwann ereichen wir dann wieder waldige Huegel. Wir fahren an einer Herde wilder Pferde vorbei...

Die Menschen hier haben keine Elektrizitaet, keine Fernseher und kein Radio. Wenn wir in den abgelegenen Landstriche in die Naehe eines Zeltlagers kommen, angekuendigt bereits von der langen Staubfahne, die wir hinter uns herziehen, dann schauen die Menschen  neugierig und die Hunde laufen uns noch weit klaeffend nach...

Und dann kommt man wieder ueber eine der vielen langgezogenen Huegelkuppen und man sieht meilenweit nichts als die wellige Ebene, kein Baum, kein Strauch, kein Mensch. Nur ein paar Pferde.

Einige menschenleere Taeler liegen noch vor uns, bevor wir nach etwa gut vierhundert Kilometern in der unberuehrten Natur aus einer anderen Richtung kommend wieder in die Hauptstadt zurueckkehren.

Der Verkehr, der uns empfaengt, ist ruecksichtslos und chaotisch wie in jeder asiatischen Grossstadt. Irgendwie schlaengeln wir uns durch das Chaos und ich muss aufpassen, dass das grosse Auto keinen Schaden nimmt. Das Fahren wird anstrengend und die Leute hektischer - wir sind wieder in der Zivilisation angekommen.

Und dann habe ich noch ein wunderschönes Erlebnis. Ein alter ATM hat meine VISA-Karte vor ein paar Tagen wegen eines defekten Mechanismus versehentlich eingezogen. Ich konnte mich auf den Kopf stellen, ich bekam sie einfach nicht mehr aus dem Schlitz. In einer Mischung aus Russisch, Chinesisch und Englisch machten wir den Menschen klar, was wir wollten, telefonierten umher, um nur ja die Karte wiederzubekommen, denn bei meiner Ersatzkarte kosten die Abhebungen jedes Mal viel Geld... Als wir endlich einen englischsprachigen Mitarbeiter der Bank gefunden haben, bestellt er uns für den nächsten Tag in die Bank, die Karte sei dann da. War sie nicht. Ich war schon leicht verzweifelt, denn es sollte am Folgetag in die Steppe gehen und dann würde nur der Wagen zurück gegeben und die nächste Etappe nach Russland angetreten. Auch am nächsten Tag nichts, der Mann sehr freundlich aber leider nicht in der Lage zu helfen. Ich habe ihm meine mongolische Handynummer gegeben, falls sich etwas tut. Und dann, wir sind auf dem Rückweg nach Ulan-Bataar im Jeep, da tut sich tatsächlich noch etwas. Meine Karte ist gefunden! Wir stellen den Jeep ab, Alex geht einkaufen für die nächsten Tage im Zug und ich renne durch die halbe Stadt zur Bank. Noch anderthalb Stunden bis der Zug fährt, der nette Bankbeamte ist schon auf dem Weg. Samstags abends. Doch er kommt und kommt nicht, noch eine Stunde bis Abfahrt. Ich werde unruhig, ich darf den Zug nicht verpassen, mein Visum würde nicht einmal reichen! Wieder und wieder rufe ich den Mann an, ich kann nicht mehr lange warten, mein Rucksack liegt noch im Hostel. Ich bin kurz davor, die Karte verloren zu geben. Und dann kommt er verschwitzt und außer Atem die Treppe hinauf auf mich zugelaufen. Strahlend drückt er mir die Karte in die Hand. Der Mann ist imn Ulan-Bataars abendlichem Stau stecken geblieben, hat seinen Wagen einfach stehen gelassen und ist die letzten Kilometer mit der Karte in der Hand für mich gerannt, damit ich meinen Zug noch bekomme. An einem dienstfreien Samstag, abends um halb acht. DAS nenne ich einen freundlichen und hilfsbereiten Menschen, eine der Begegnungen, für die ich das Reisen liebe. Und auch wenn Sie es niemals lesen werden - tausend Dank noch einmal! Ich drücke ihm die Hand und renne wieder zurück durch die Stadt. Mit den Abkürzungen unseres Fahrers schaffen wir es noch in time zum Zug.

Ulan Bataar mit seiner Mischung aus moderner Weltmaennischkeit und uraltem Buddhismus ist sicher einen Ausflug wert. Ich wuerde gern wiederkommen, um von dort aus einmal in die Jurtensiedlungen in der Wildnis zu fahren und dort zu uebernachten, selbst wenn ich mich niemals werde unterhalten koennen. Mich interessiert die Lebensart dieser Menschen,  seit Jahrhunderten unveraendert, anspruchslos, hart im Nehmen und tief verwurzelt in ihrem Glauben und ihren Traditionen.

Aber was mich begeistert, das ist ohne Frage die ueberwaeltigende Natur. Die absolute Freiheit und das in einer Weite, wie ich so bisher nur in Tibet erlebt habe. Eine Weite, in der nur eine Handvoll Menschen das Ueberleben wagt. Ganze drei Autos und ein Motorrad haben wir in zwei Tagen in der Steppe gesehen. Eine tolle Gegend, wie gern wuerde ich noch einmal fuer laenger wiederkommen...

Rail distance since the coast: 4400 km

Time in trains so far: 53,1 h   or:   2 days, 5 hours and 5 min